Evangelisch in Tirol
Schon um 1520 wurden reformatorisches Gedankengut und entsprechende Schriften durch zwei sogenannte "Prädikanten" (= evangelische Theologen und Prediger), nämlich Stefan Kastenbauer (Agricola) und Jakob Strauß, in Rattenberg, Schwaz und Hall verbreitet. Es gab viele Anhänger für die neue Lehre (besonders unter den Bergknappen), aber der Widerstand der katholischen Kirche und der weltlichen Obrigkeit setzte sehr rasch ein. Dennoch konnte sich die lutherische Lehre relativ lange über Wasser halten.
Mit den evangelischen Bergknappen aus Sachsen kamen auch sogenannte Wiedertäufer nach Tirol. Diese vertraten die Ansicht, dass Gottes Reich jetzt schon auf Erden verwirklicht werden sollte. In diesem Zusammenhang riefen sie zum Aufruhr gegen jegliche Obrigkeit auf und traten für eine gerechte Aufteilung der Güter ein. Ihr Anführer war Jakob Huter, der später auf Grund der Verfolgungswelle nach Mähren auswanderte. Er kam dann nochmals nach Tirol, wo er verraten wurde und gemeinsam mit seiner Frau Katharina im Jahre 1536 vor dem Goldenen Dachl auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Viele Wiedertäufer wurden auch ertränkt. Es kam zu einer regelrechten Verfolgungswelle in ganz Tirol.
Die Anhänger der evangelisch-lutherischen Lehre konnten lange Zeit - zumindest im Geheimen - ihren neuen Glauben leben. Doch es gab immer wieder Verrat, sodass die Menschen dann entweder ihren Glauben abschwören oder bei Verweigerung auswandern mussten. Im Jahre 1684 wurde eine große Zahl Evangelischer aus dem Defreggental ausgewiesen und wanderte nach Ostpreußen aus.
Mit dem Toleranzpatent von 1781 unter Josef II. wurde die evangelische Kirche als offizielle Religion im damaligen Österreich geduldet.
Aber der Tiroler Landtag verweigerte die Anerkennung des Toleranzpatents im eigenen Land. Dadurch kam es zur Ausweisung von etwa 500 Evangelischen aus dem Zillertal im Jahre 1837. Erst viel später konnte sich das Toleranzpatent auch in Tirol Geltung verschaffen. Die evangelische Christuskirche im Saggen wurde 1905 errichtet. Von dieser Pfarrgemeinde als sogenannte Muttergemeinde ausgehend wurden im Laufe der Zeit die jeweiligen Tochtergemeinden in den Bezirken gegründet. Derzeit gibt es evangelische Pfarrgemeinden im Lande Tirol in Innsbruck (Christuskirche und Auferstehungskirche), in Landeck, Reutte, Jenbach, Kufstein, Kitzbühel und in Lienz.
Die evangelische Kirche in Tirol befindet sich in einer extremen Diasporasituation. Nur an wenigen Orten gibt es eine größere Anzahl von evangelischen Gemeindegliedern, im Allgemeinen gibt es eine große Streuung, was die Arbeit natürlich sehr erschwert. Diese Schwierigkeiten betreffen nicht nur die Gemeindearbeit, sondern auch den Religionsunterricht, die Kinder- und Jugendarbeit und den Gottesdienstbesuch.
Zur Zeit gibt es etwa 12.500 Evangelische in Nord- und Osttirol.
Pfarrer Mag. Willi Thaler, Innsbruck |