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Demokratie in der Kirche?
Können wir demokratisch darüber entscheiden, wie wir als Christinnen und Christen, als Gemeinde, als Kirche den Willen Gottes leben sollen? Das ist keine zeitgeistige, sondern eine ganz grundsätzliche Frage: Wer ist kompetent, wer hat die Autorität, zu entscheiden, was Gott von uns will?
Als Evangelische sind wir überzeugt: nur gemeinsam können wir das entscheiden. Nicht eine einzelne Person, nicht ein kleiner Kreis privilegierter Personen kann dieses Recht, kann diese Autorität für sich in Anspruch nehmen. Das Evangelium, die gute Nachricht von Jesus Christus ist uns allen anvertraut, ist ein Auftrag an uns alle, gleichberechtigt als Schwestern und Brüder.
Am Reformationstag, am 31. Oktober erinnern wir uns daran: Nichts steht zwischen Gott und uns. Gott schenkt uns seine Liebe, seine Zuwendung und seine Vergebung direkt, unmittelbar, ohne priesterliche oder kirchliche Ver-mittlung. Wir brauchen niemanden, der uns diese Liebe Gottes zuteilt, weil Gott sie uns in Fülle schenkt.
Diese Grundüberzeugung hat Konsequenzen dafür, wie eine Kirche geleitet wird. In den Evangelischen Kirchen treffen nicht Bischöfe oder ein Papst die Entscheidungen, sondern von allen Mitgliedern gewählte Vertreterinnen und Vertreter.
Natürlich sind nicht immer alle der gleichen Ansicht, wie wir das Evangelium am besten leben können, wie wir die Bibel richtig verstehen sollen. Und so wird in den Evangelischen Kirchen viel und lange um Entscheidungen diskutiert und gerungen. Wenn evangelische Kirchen schließlich einmal Stellung beziehen, ist dies meist vorsichtig und selten ganz eindeutig.
Oft hört man den Vorwurf, evangelische Positionen seien schwammig und zwischen evangelischen Kirchen auch nicht selten unterschiedlich. Das stimmt und ist doch nur teilweise richtig. Tatsächlich kommen die Entscheidungsgremien unterschiedlicher evangelischer Kirchen oft zu voneinander etwas abweichenden Beurteilungen und Beschlüssen. Aber damit wissen wir Evangelischen uns in guter biblischer Tradition. Auch die Bibel ist in diesem Sinn nicht eindeutig, vier Evangelisten bieten uns beispielsweise vier verschiedene Sichtweisen der Geschichte Jesu an.
Und dennoch – auch das ist reformatorische Überzeugung – ist die Bibel im Ganzen „lauter und klar“. Differenzierte Überzeugungen zu vertreten, nicht eindimensional, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln zu denken, heißt eben nicht beliebig zu entscheiden, sondern mit Rücksicht darauf, dass die Wahrheit immer mehrdimensional ergriffen sein will. So ist die Geschichte evangelischen Glaubens seit der Reformation auch eine Geschichte der Vielfalt. Die Reformation hat mit dieser Grundüberzeugung nicht nur e i n e neue Kirche, sondern viele hervorgebracht.
Pfr. Mag. Tilmann Knopf, Salzburg Christuskirche
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