"Ich singe, was ich nicht sagen kann"
Mein Zugang zur Spiritualität durch das Lied Ein Beitrag von Gusti Baumgartner
Dieser Titel einer Dissertation über "Musikpsychologie" drückt genau das aus, was ich empfinde. Ich werde keine philosophische oder theologische Abhandlung über Spiritualität schreiben - dazu sind Berufenere da - nur ein paar kurze Gedanken: Spiritualität ist für mich das "Einswerden meiner Seele mit Gott" - rational nicht erklärbar und auch nur in seltenen kostbaren Augenblicken erfahrbar. - Die Sprache versagt und ich werde in vier Bildern beschreiben, wo mich Spiritualität und Lied bewegt und getroffen haben:
1) Kurz nach dem Krieg, als mir die ganzen Schrecknisse der vergangenen Zeit verzweifelt zu Bewusstsein kamen, wurde ich in einen evangelischen Jugendkreis eingeladen. Eigentlich war ich bisher ohne Gott recht gut zurecht gekommen, aber ich ging trotzdem hin - mit Herzklopfen und etwas zu spät. Einige junge Menschen standen um ein Harmonium - ich stellte mich dazu und sang mit. Schon während des Singens war mir klar: "Das ist der Weg, den du gehen musst." Keine Rede von Spiritualität - aber meine Seele war berührt. Das Wort kam erst später dazu. Es war das Lied, das die Brücke geschlagen hat zwischen Gott, den ich nicht kannte, und mir.
2) Ein Professor für Heilpädagogik arbeitete mit schwerstbehinderten Kindern - mit denen eine Kommunikation nur durch Musik möglich war. Mit diesen Kindern habe ich ein Hirtenspiel erlebt - Spastiker, Mongoloide, Epileptiker - ihre Augen leuchteten, wenn sie mit ihren Instrumenten trommelten und pfiffen - ein Funke hat ihre Seele berührt - auch das ist Spiritualität.
3) Wenn ich am Bett von Schwerkranken oder Sterbenden sitze, fehlen mir meist die Worte - aber ich singe - und sofort werden sie ruhig und oft schwindet die Angst aus ihren Gesichtern und ich meine, dass sie so etwas wie Hoffnung spüren.
4) Als letztes Beispiel, an das ich mich noch heute erinnere, möchte ich vom Tod meines Mannes erzählen. Ich war verzweifelt und in ein tiefes Loch gefallen. Jedes fromme Wort - gesagt oder geschrieben, hat mich nicht nur kalt gelassen, es hat mich sogar geärgert. Zwei Wochen nach dem Begräbnis ging ich in die Kirche und habe diese "frommen Wort" gesungen und plötzlich empfand ich Trost und Geborgenheit - nicht die Trauer war vergangen, aber die Verzweiflung ist einem tiefen Frieden gewichen. Ich habe dieses "Einssein meiner Seele mit Gott" gespürt. Spiritualität und Musik (gespielt oder gesungen) vermitteln und ein Erleben, dem man keinen Namen geben kann. Darum "singe ich, was ich nicht sagen kann".
Gusti Baumgartner Pensionistin, Lektorin, Chorleiterin |