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Migration in Tirol
Auswanderer-Familien suchen ihre Wurzeln in Tirol

Zum „Jahr der Migration“ der Evangelischen Kirche 2010 ist auf zwei wertvolle Beiträge zur Geschichte der Migration in Tirol aufmerksam zu machen.

Chilenen aus dem Zillertal
Das SWR – Fernsehen sendete am 21. April einen Beitrag zu „Chilenen aus dem Zillertal“. Am Lianquihue-See, 1000 km südlich von Santiago de Chile, leben rund 600 Nachkommen von Einwanderern aus dem Tiroler Zillertal. Wegen ihres evangelischen Glaubens, dem sie nicht abschwören wollten,  waren sie im 19. Jahrhundert aus Tirol vertrieben worden. Über 150 Jahre nach der Auswanderung reiste eine Gruppe der Nachkommen erstmals nach Europa und besuchten Familienangehörige, fielen sich in die Arme, als wären sie nie auseinander gerissen worden. Ab 1856 wanderten 55 Tiroler nach Südchile, wo sie schnell heimisch wurden. Sie kamen in ein fast menschenleeres und landschaftlich schönes Gebiet am Vulkan Osorno, das zuvor von deutschen Auswanderern urbar gemacht wurde. Kurt Klocker, Präsident der Zillertaler in Chile meint dazu: „Unsere Heimat ist jetzt Chile und niemand hegt mehr Groll wegen der Vertreibung vor über 170 Jahren.“

 
Chronologie der Migration in Tirol
Zur Versachlichung der Integrationsdebatte bietet das „Informations- und Monitoringzentrum für Integration und Migration/IMZ Tirol“ aufbereitete Zahlen und Fakten zur Thematik an.
Von 1400 bis 1600 arbeiteten Ausländer im Tiroler Bergbau, einer der damals reichsten Regionen Europas (Schwaz, Rattenberg und Kitzbühel/Aurach mit dem Silber- und Kupferabbau). Im heutigen Hall wurde Salz abgebaut. Die Gastarbeiter kamen aus Sachsen, der Steiermark, Spanien, Norwegen und England.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg versuchten sich Tiroler als Bauhandwerker im Rheinland, Schwaben, Hessen, Ostpreußen, Belgien, Böhmen, Mähren und in den Niederlanden.1699 sind allein von 1600 Lechtalern 644 als Saisonarbeiter unterwegs.
Von 1700 bis 1850 arbeiteten zahlreiche Kinder von März bis November in Schwaben als Viehhirten, Kindermädchen oder Hilfskräfte. Auf „Kindermärkten“ wurden sie an ihre Arbeitgeber vermittelt.  Bis zum Bau der Eisenbahnlinie gingen sie zu Fuß in das heutige Baden-Württemberg.
Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Tirol Textilwerke, Ziegelfabriken und Glashütten gegründet und das Straßen- und Eisenbahnnetz ausgebaut. Arbeitskräfte kamen vor allem aus Norditalien. Viele Tiroler wanderten nach Nordamerika aus. Mit dem Staatsgrundgesetz 1867 begann eine größere Auswanderungswelle.
Unter der Weltwirtschaftskrise litten besonders die Bauern, rund 700 – vor allem aus der Wildschönau – wanderten ab 1933 nach Brasilien aus. Ihre Kolonie „Dreizehnlinden“ besteht bis heute.
Ab 1938 beginnt eine Judenverfolgung. 267 Personen emigrieren und flüchten, 279 Menschen werden zwangsumgesiedelt und 137 in KZ verschleppt. 185 Tiroler/innen jüdischen Glaubens werden ermordet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiten viele Tiroler/innen in der Schweiz. Ab den sechziger Jahren schloss die österreichische Wirtschaft mit Spanien, Jugoslawien und der Türkei Anwerbeabkommen. Von 1963 bis 1968 stieg die Zahl ausländischer Arbeitskräfte in Tirol von rund 2700 auf knapp 20000.
Heute sind in Tirol rund 10 Prozent der Bevölkerung Ausländer/innen. Die größte Gruppe sind mit 27,5 Prozent deutsche Staatsbürger.
 
Internethinweis:  www.imz-tirol.at                                              
 
Günther Dichatschek
SAAT Nr. 8/2010, 4