 |
 |
Judentum in Tirol
Minderheiten in Tirol Ein Beitrag zur politischen Bildung/Erziehung und "Dekade zur Überwindung von Gewalt"/ÖRK Genf von Günther Dichatschek und Herbert Jenewein
Vorbemerkungen Minderheiten in Tirol ist ein Thema, das eher zögernd bearbeitet wird. Jenische in Nord- und Südtirol sind als Volksgruppe wenig erforscht, eine Auseinandersetzung ist daher reizvoll: einmal aus Gründen einer Minderheitssituation, zum anderen aus kulturellen Gründen und Gründen politischer Bildung/Erziehung. Erkenntnisse aus der Schweiz bereichern die Auseinandersetzung mit dieser Volksgruppe. Der Protestantismus in Tirol bedarf aus evangelischer Sicht einer zeitgemäßen Darstellung. Das Judentum in Tirol ist erst mit der zeitgeschichtlicher Forschung aktualisiert worden. Auch hier bedarf es einer Auseinandersetzung. Die drei Themenbereiche sind mit Phänomenen von kulturellen und religiösen Konflikten sowie Diskriminierung, Gewalt und Vertreibung besetzt. In allen Bereichen liegt Material vor, das zu aktualisieren und zu bearbeitet gehört. Jenisches Kulturgut ist kulturgeschichtlich und volkskundlich, der Protestantismus kirchengeschichtlich und das Judentum zeitgeschichtlich von Interesse. Das Evangelische Bildungswerk in Tirol möchte mit diesem laufenden Projekt seinen Beitrag als Schwerpunktthema 2006 - 2007 zur Erwachsenenbildung in Tirol leisten. Die Thematik gehört darüberhinaus in eine zeitgemäße politische Bildung/Erziehung (vgl. BEER-CREMER-MASSING 1999, 233 und HÄNDLE-OESTERREICH-TROMMER 1999, 105-114; Verordnungsblatt des Landesschulrats für Tirol, Jg. 2006/Stück X, 15. Oktober 2006, Nr. 75 "Symposium und Seminar 'Verbrannte Visionen' ").
Judentum in Tirol
Bestand jahrhundertelang in Tirol und Vorarlberg nur die jüdische Gemeinde in Hohenems, so übersiedelten Gemeindemitglieder im 19. Jahrhundert aus Vorarlberg in die Nachbarländer und letztlich Landesrabbiner Dr. Josef Link 1914 nach Innsbruck(vgl. ALBRICH 1999, 33-34). Seit 1880 hatte sich hier in kleine Gemeinde mit Händlern und Geschäftsleuten entwickelt. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten rund 500 Juden in Innsbruck, deren Zahl sich bis heute mit 300-400 relativ konstant hält. Nach 1918 mit dem Zusammenbruch der Monarchie wurden Juden erstmals in Tirol als Sündenböcke des Ausbruchs der Pest benannt, der "Tiroler Antisemitenbund" veranstaltete Massenversammlungen und Fackelzüge durch Innsbruck, wobei im Stürmer-Jargon Forderungen gegen die Juden erhoben wurden(vgl. HOFINGER 1994, 83-108). In der Ersten Republik verließen jüdische Heranwachsende Innsbruck, ein Zuzug junger Familien stockte und die Gemeinde wurde damit älter. In Hohenemser liberaler Tradition fand das Gemeindeleben weiterhin statt(vgl. HOFINGER 2002, 200). In dieser sozialen Isolation war typisch eine zionistische Ausrichtung der jüdischen Heranwachsenden. Mit dem März 1938 begann das Ende einer Illusion. Die Zentralkartei der Innsbrucker Kultusgemeinde wurde beschlagnahmt, die Umsetzung der "Nürnberger Rassengesetze" mit allen Folgen betrieben (vgl. STEININGER-PITSCHEIDER 2002). Einen Höhepunkt dieser Entwicklung bildete die Reichsprogromnacht vom 9.-10. November 1938, bei der in Innsbruck drei Männer zunächst getötet wurden und ein vierter Wochen später starb(vgl. GEHLER 1990/91, 2-21). Von rund 300 Personen ist das Überleben im Ausland oder im KZ bekannt, über 70 Schicksale rassisch Verfolgter in Tirol und Vorarlberg blieben bis jetzt ungeklärt(vgl. HOFINGER 2002, 202). Nach 1945 lebte kein Mitglied der alten Gemeinde mehr in Tirol. Von Seiten des Landes Tirol gab es keine Initiativen gegenüber vertriebenen jüdischen Mitbürgern. Bis 1948 war Tirol Durchzugsland für rund 50 000 osteuropäische Juden auf dem Weg nach Palästina, wobei die französische Besatzungsmacht diesen Exodus duldete. Im DP-Lager in Gnadenwald kam es immer wieder zu gewalttätigen Konflikten zwischen den rivalisierenden zionistischen Gruppen der Hagana und des Irgun. Auf Grund der Bemühungen von Rudolf Brüll kam es am 14. März 1952 zur gesetzlichen Errichtung der Kultusgemeinde Innsbruck für die Bundesländer Tirol und Vorarlberg, womit auch die Rückführung des Gemeindebesitzes in Hohenems verbunden war. Erst 1955 im Jahr der Unterzeichnung des Staatsvertrages erfolgte nach Vorlage neuer Statuten und entsprechender Wahlen eine Anerkennung als offizielle Religionsvertretung der Juden in Tirol und Vorarlberg(vgl. GEHLER 1999, 426-438). 1986 kam es zur Gründung des Jüdischen Museums Hohenems, am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck begannen Historiker sich mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung systematisch auseinanderzusetzen. Diese Dynamik wurde durch die Abschaffung des "Anderl von Rinn-Kults" durch Bischof Dr. Reinhold Stecher verstärkt(vgl. FRESACH 1998). In der Folge kam es zu ersten Einladungen ehemals in Innsbruck lebender Juden unter Bürgermeister Ronuald Niescher. Esther Fritsch als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde trat in der Öffentlichkeit auf, es kam zum Neubau der Synagoge in der Sillgasse mit der Einweihung 1993. Ein "Tiroler Komitee für christlich-jüdische Zusammenarbeit" bildete sich, 1997 kam es zur Errichtung einer Menora in Erinnerung an die Reichsprogromnacht am Innsbrucker Landhausplatz. Bewegende Momente noch lebender Tiroler Juden einer hochbetagten Vorkriegsgeneration kennzeichneten eine beginnende Aussöhnung mit der alten Heimat, wobei der "Tiroler Jugendlandtag" hier die Initiative ergriff(vgl. HOFINGER 2002, 206). Der Versuch einer Verankerung eines Judentums im lokalen Bewusstsein in Tirol erfolgt heute durch Führungen in der Synagoge, der Durchführung kleinerer kultureller Projekte mit dem christlich-jüdischen Komitee und von Öffentlichkeitsarbeit der Israelitischen Kultusgemeinde Tirol und Vorarlberg - Innsbruck in den Medien bei Studio- und Podiumsdiskussionen. Das Jüdische Museum Hohenems in Vorarlberg bietet darüberhinaus - neben der klassischen Museumsarbeit zur Thematik - didaktisches Material zum Judentum zur Aufarbeitung im Unterricht und 2006 eine Tagung zu "Diaspora und Migration in Europa" an.
Literaturhinweise Albrich Th.(Hrsg.)(1999): Wir lebten wie sie. Jüdische Lebensgeschichten aus Tirol und Vorarlberg, Innsbruck Brugger E.-Keil M.-Lichtblau A.-Lind Chr.-Staudinger B.(2006): Geschichte der Juden in Österreich, Wien Fresach B.(1998): Anderl von Rinn. Ritualmord und Neuorientierung in Judenstein 1945-1995, Innsbruck Gehler M.(1990/1991): Spontaner Ausdruck des "Volkszorns"? Neue Aspekte zum Innsbrucker Judenprogrom vom 9./10. November 1938, in: Zeitgeschichte Heft 1/2 1990/91, 2-21 Gehler M.(Hrsg.)(1999): Tirol. "Land im Gebirge": Zwischen Tradition und Moderne/Geschichte der Bundesländer seit 1945, Bd. 6/3, Wien-Köln-Weimar Hofinger N.(2002): Eine kleine Gemeinde zwischen Erinnerung und jüdischem Alltag - Die Israelitische Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg in Innsbruck nach 1945, in: Lappin E.(Hrsg.)(2002): Jüdische Gemeinden - Kontinuitäten und Brüche, Berlin-Wien, 199-210 Hofinger N.(1994):"Unsere Losung ist: Tirol den Tirolern!" Antisemitismus in Tirol 1918-1938, in: Zeitgeschichte Heft 3/4 1994, 83-108 Lappin E.(Hrsg.)(2002): Jüdische Gemeinden - Kontinuitäten und Brüche, Berlin-Wien Steininger R.-Pitscheider S.(Hrsg.)(2002): Tirol und Vorarlberg in der NS-Zeit 1938-1945/Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte, Bd. 19, Innsbruck-Wien-Bozen-München Stöger P.(2002): Eingegrenzt und Ausgegrenzt. Tirol und das Fremde, Frankfurt/M.-Berlin-Bern-Bruxelles-New York
Internethinweise:
http://www.ikg-innsbruck.at http://www.jm-hohenems.at
Dr. Günther Dichatschek ist Lehrbeauftragter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien(Berufspädagogik/Vorberufliche Bildung), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol, Mitglied der Bildungskommission der Generalsynode der Evangelischen Kirche A. und H.B. und Gründungsteilnehmer der Lehrerinnenplattform für Politische Bildung des bm:bwk .
Mag. Herbert Jenewein ist Absolvent des Instituts für Volkskunde der Universität Innsbruck, Autor von "Sagen und Mythen im Wilden Kaiser" und freier Mitarbeiter im Evangelischen Bildungswerk in Tirol.
© die jeweiligen Autoren
|
 |
 |