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Protestantismus in Tirol

Minderheiten in Tirol
Ein Beitrag zur politischen Bildung/Erziehung und "Dekade zur Überwindung von Gewalt"/ÖRK Genf von Günther Dichatschek und Herbert Jenewein

Vorbemerkungen
Minderheiten in Tirol ist ein Thema, das eher zögernd bearbeitet wird.
Jenische in Nord- und Südtirol sind als Volksgruppe wenig erforscht, eine Auseinandersetzung ist daher reizvoll: einmal aus Gründen einer Minderheitssituation, zum anderen aus kulturellen Gründen und Gründen politischer Bildung/Erziehung. Erkenntnisse aus der Schweiz bereichern die Auseinandersetzung mit dieser Volksgruppe.
Der Protestantismus in Tirol bedarf aus evangelischer Sicht einer zeitgemäßen Darstellung.
Das Judentum in Tirol ist erst mit der zeitgeschichtlicher Forschung aktualisiert worden. Auch hier bedarf es einer Auseinandersetzung.
Die drei Themenbereiche sind mit Phänomenen von kulturellen und religiösen Konflikten sowie Diskriminierung, Gewalt und Vertreibung besetzt. In allen Bereichen liegt Material vor, das zu aktualisieren und zu bearbeitet gehört. Jenisches Kulturgut ist kulturgeschichtlich und volkskundlich, der Protestantismus kirchengeschichtlich und das Judentum zeitgeschichtlich von Interesse.
Das Evangelische Bildungswerk in Tirol möchte mit diesem laufenden Projekt seinen Beitrag als Schwerpunktthema 2006 - 2007 zur Erwachsenenbildung in Tirol leisten.
Die Thematik gehört darüberhinaus in eine zeitgemäße politische Bildung/Erziehung (vgl. BEER-CREMER-MASSING 1999, 233 und HÄNDLE-OESTERREICH-TROMMER 1999, 105-114; Verordnungsblatt des Landesschulrats für Tirol, Jg. 2006/Stück X, 15. Oktober 2006, Nr. 75 "Symposium und Seminar 'Verbrannte Visionen' ").


Protestantismus in Tirol

"Das Aufkommen von Reformation und Protestantismus in Tirol war keine verspätete und keine ruhige Angelegenheit. Im Gegenteil, die reformatorischen Ideen regten sich sofort und unmittelbar nach dem Öffentlichwerden von Luthers Kirchenkritik, sie äußerten sich zugleich mit dem Erscheinen seiner und der anderen Reformatoren Hauptschriften, die damals Mitteleuropa mit ihren Reformideen lawinenartig überschwemmten. Selbst im europäischen Vergleich traten die reformatorischen Gedanken sehr früh und mit besonderer Heftigkeit auf. Es ist zwar kaum einer breiten Öffentichkeit bekannt, aber es ist eine Tatsache: Tirol stellt darin eines der interessantesten Gebiete der frühen Reformation im damaligen Europa dar - wie dies auch jetzt die neue schöne Kirchengeschichte Tirols von Josef Gelmi zu Recht darlegt" (LEEB 2001, 227; vgl. GELMI 2001, 135).
Bei aller Frömmigkeit gab es in der Kirche strukturelle Schwächen. Zahlreiche Klagen belegten dies. Kirche als Mittlerin des Heils war unglaubwürdig geworden. Ablasswesen, Reliquienkult, Dispens, Privilegien und Wallfahrten ließen Gläubige Missstände im Klerus erleben. Zuverdienste waren Geistlichen oftmals wichtiger als seelsorgerliches Wirken("Mehr Wirt als Hirt"). Es entstand ein regelrechter Hass auf den Klerus("Pfaffenhass"; vgl. GOERZ 1995).

2.1 Evangelische Bewegung im 16. Jahrhundert
Es überrascht keineswegs, dass vor diesem Hintergrund der erste reformatorische Prediger von Hall, Jakob Strauß, 1522 großes Aufsehen verursachte und Zulauf gewann. Strauß war kein Einzelfall, Luthers Reformvorschläge waren mit dem Gedanken des allgemeinen Priestertums - Gleichbereichtigung im geistlichen Sinne und Selbstregelung kirchlicher Angelegenheiten - und der Außerkraftsetzung der Leistungsfrömmigkeit - Gnade als Geschenk Gottes ohne Bezahlung - in Verbindung mit einem kirchenkritischen Biblizismus attraktiv geworden.
Es entstand in Tirol - insbesondere in den internationalen Zentren des Bergbaues(Schwaz, Hall und Rattenberg) - spontan eine evangelische Bewegung von unten aus der Bevölkerung heraus.
Allerdings wurden im Unterschied zu anderen österreichischen Ländern diese reformatorischen Aktivitäten von Beginn an entschlossen bekämpft. "Tirol war als Zentrum des Bergbaues aus finanzpolitischen Gründen so wichtig, dass jede Regung in den dem Landesherren unterstehenden Städten unterdrückt wurde. Zudem besaß der Tiroler Adel im Vergleich zu den Städten in den anderen habsburgischen Ländern keine vergleichbare Machtposition, sodass sich auch hier kein nachhaltiger politischer Rückhalt für die evangelische Bewegung bilden konnte" (LEEB 2001, 228).

2.2 Täufertum
Auf Grund der repressiven Maßnahmen darf man vermuten, dass der radikale Flügel der Reformation der Täufer in Tirol gestärkt wurde. In diesem Umfeld einer sozial und religiös aufständischen Bewegung, in Verbindung mit Bauernaufständen, entstand die Täuferbewegung. Die Täler waren ein europäisches Zentrum von Täufern, wobei das Tiroler Täufertum eine pazifistische Haltung einnahm (vgl. MECENSEFFY 1975, 20). Hunderte männliche und weibliche Täufer wurden grausam verfolgt - verbrannt, gehenkt, enthauptet und ertränkt. Es gab Massenhinrichtungen. Ergreifende Geschichten solcher Hinichtungen sind dokumentiert. Als in Kitzbühel zwei Täufer hingerichtet werden sollten, rief jemand aus der Menge:" Ei wie fein lassen eure Hirten und Lehrer das Leben für euch." In die Mitte des Richtplatzes sprang ein Mann auf und rief:" Das ist die göttliche Wahrheit, die ich euch gelehrt habe, das will ich mit Gottes Hilf auch mit meinem Blut bezeugen." Kurz danach wurde er hingerichtet (MECENSEFFY 1975, 21; vgl. zur Stärke des Luthertums im Raum Kitzbühel LEEB-LIEBERMANN-SCHEIBELREITER-TROPPER 2003, 215).
Heimliche Auswanderungen bis nach Mähren in die Nähe von Nikolsburg begannen. Der Pustertaler Jakob Huter wurde Führer jener Gruppe, die später als Hut(t)erer bezeichnet wurden. Bei seiner Rückkehr in die alte Heimat wurde Huter festgenommen und 1536 in Innsbruck verbrannt. Über Zwischenstationen in Siebenbürgen, der Walachei und der Ukraine kamen die Hut(t)erer 1874 bis nach Amerika ("Hutterian Brethern Church"). In South Dakota gründete man den ersten "Bruderhof". Diese "Brüderhöfe" - Zeichen für eine erfolgreiche wirtschaftliche Gütergemeinschaft - mit Abgrenzungen zu bestehenden Gesellschaft, bestehen heute noch. Manche Bewohner sprechen neben Englisch noch jetzt ein altertümliches Deutsch mit Tiroler und Kärntner Einschlag (vgl. LEEB-LIEBMANN-SCHEIBELREITER-TROPPER 2003, 191-192; RIEDMANN 1982, 105-107; SCHLACHTA 2006; Verordnungsblatt des Landesschulrats für Tirol/Jg. 2006, Stück X, Nr. 75 "Symposium und Seminar 'Verbrannte Visionen' - Jakob Hutterer und die Täuferbewegung").

2.3 Geheimprotestantismus
Wie man heute weiß, wurde kein Lutheraner in Tirol aus Glaubensgründen hingerichtet. Nur ein kleiner Teil schloss sich der Täuferbewegung an. Trotz massiver Verfolgung entstand die für Tirol typische Situation, "dass es zwar zahlreiche evangelische Personen gab, die manche Regionen sogar dominierten, dass diese aber inoffiziell existierten" (LEEB 2001, 229; vgl. BIASI 1948). 1549 hört man von Klagen, dass in Gehöften und Häusern zur Zeit der katholischen Sonntagsmesse evangelische Gottesdienste bzw. Andachten, vom Hausvater der Familie mit dem Gesinde bzw. den Nachbarn, mit Bibelauslegung, Gebet und Liedern gehalten wurden. In Wohnstuben wurde ein Tisch als Altar aufgestellt. Im Gegensatz zu Oberösterreich, Niederösterreich, der Steiermark und Kärnten - wo der Protestantismus legitimiert wurde - gab es in Tirol keine Kirchenorganisation und Prediger, so dass man hier von einem Laienchristentum sprechen kann.
"Es ist der evangelischen Geschichtsschreibung kaum bzw. gar nicht bewusst, dass zuerst in Tirol (und dann in Salzburg) auf diese Weise schon sehr früh das bemerkenswerte kirchengeschichtliche Phänomen des sogenannten Geheimprotestantismus entstand. Nicht immer war es so geheim, wie der Name es suggeriert. Es äußerte sich oft auch als Aufmüpfigkeit, wenn z.B. in den Wirtshäusern auf provokante Weise lutherische Schandlieder gesungen wurden (es existierte während der Gegenreformation ein bestimmtes Sortiment an lutherischen Kampfliedern). Bei Vorladungen zeigte sich ziviler Ungehorsam, man berief sich auf die Gewissensfreiheit, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen" (LEEB 2001, 229). Insofern kann man in Tirol auch von einem politischen Protestantismus im 16. Jahrhundert sprechen.

2.4 Ausweisungen und Emigration
Seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 bestimmte der Landesherr die Konfession in seinem Land (ursprünglich "ubi unus dominus, ibi una sit religio"; später "wessen Land, dessen Konfession/cuius regio, eius religio"). Folgte man dieser Regelung nicht, konnte/musste man auswandern. Gegenüber dem mittelalterlichen Ketzerrecht wurde dies als Fortschritt angesehen, zumal man mit Vermögen und und in Ehren das Land verlassen konnte. Dieses Recht gilt als erstes Grundrecht von Untertanen in Europa (vgl. HECKEL 1983, 33).
Für Tirol gilt, dass bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts evangelisches Leben noch nachzuweisen ist (vgl. LOESCHE 1926, 163-186). Zwei Ausnahmen, die allerdings teilweise zu Salzburg damals gehörten, sind im Folgenden aufzuzeigen : das Defreggental und das Zillertal. ´
Auf der Grundlage des Augsburger Religionsfriedens 1555 und der Bestimmungen des Westfälischen Friedens 1648 wurden evangelische Defregger ab 1684 ausgewiesen (vgl. DISSERTORI 1964). Mit der Missionierung von Kapuzinerpatres begann sich die Situation in Form von antiklerikalen Aktionen zu verschärfen. Bei der Ausweisung durch den Salzburger Erzbischof Max Gandolf von Kuenberg kam es zur Verletzung der Durchführungsbestimmungen: es wurde keine Dreijahresfrist zur Vorbereitung der Emigration eingehalten, vielmehr mussten 621 Personen um Neujahr innerhalb weniger Wochen das Tal verlassen. Das Corpus Evangelicorum in Regensburg zur Einhaltung der Reichsverfassung wurde zu spät informiert, womit nur eine bruchstückhafte Wiedergutmachung der Bestimmungen möglich wurde.
Die Ausweisung evangelischer Zillertaler 1837 steht in Verbindung mit der Rechtsgültigkeit des Toleranzpatents von 1781, das für Tirol auch galt. Als nämlich 1826 drei evangelische Hippacher aus der katholischen Kirche austraten, kam eine Austrittsbewegung mit letztlich 427 Personen in Gang (vgl. HEIM-REITER-WEIDINGER 2006; KÜHNERT 1973, 15). Der Tiroler Landtag stimmte mehrheitlich für eine konfessionelle Einheit des Landes. Die letzte Entscheidung hatte Kaiser Ferdinand, der die Ausweisung trotz Gültigkeit des Toleranzpatents verfügte, die internationales Aufsehen erregte.


Tiroler Tageszeitung vom 7. November 2006, 21

"Im Herzen sind wir Zillertaler"
Ein Tirolerfest der besonderen Art steht vom 16. bis 19. November auf dem Programm: Nachfahren der Zillertaler Auswanderer laden zu einem Jubiläum. "Als Kind in Tyrolens Bergluft, als Jungfrau in Schlesiens Blumenduft, unter Kindern und Enkeln am stillen See, fand sie Ruh im Land Llanquihue." - Diese Aufschrift auf dem Grabstein von Therese Klocker (1818-1896) spiegelt das Schicksal jener Zillertaler wider, die im Hahre 1837 aus Glaubensgründen ihre Heimat verlassen mussten. 416 Inklinanten ließen sich damals in Niederschlesien nieder, elf fanden in Kärnten eine neue Heimat.
In Zillerthal-Erdmannsdorf im heutigen Polen schnürten bereits 1856 mehrere Zillertaler Familien neuerlich ihre Bündel und nahmen die weite Reise nach Chile auf sich. Therese Klocker war eine von ihnen. Aufgewachsen im Zillertal, zog sie als 19-Jährige mit ihrer Familie nach Oberschlesien und wanderte dann nach Chile aus.

600 Nachfahren
Die Zillertaler siedelten sich rund hundert Kilometer südlich von Santiago am Llanquihuesee an und gründeten dort eine Tiroler Siedlung. Die Auswanderre haben den Süden Chiles gewählt, weil sie sich dort ähnliche Lebensbedingungen wie in der alten Heimat erhofft haben. Die Namen Fleidl, Hechenleitner, Heim, Klocker, Kröll und Schönherr weisen noch heute in der südamerikanischen Region auf Nachkommen jener Zillertaler hin.
Etwa 600 Nachfahren der Auswanderer leben nahc wie vor dort und hqaben in der Person von Kurt Klocker sogar einen eigenen Präsidenten. "Wir leben heute in Chile als geachtete und voll integrierte Bürger. In unserem Herzen sind wir jedoch unseren Wurzeln treu geblieben - wir fühlen uns immer noch als Zillertaler", schreibt Kurt Klocker im Vorwort einer Festschrift, die Martin Reiter gemeinsam mit Wolf-Dieter Heim und Klaus Weidinger zum 150-Jahr-Jubiläum zusammengestellt hat.
Die Festschrift wurde am Sonntagabend in Schwendau präsentiert. Dort trafen sich nämlich die Mannen der Schwazer Bürgermeistermusikkapelle., um die Modalitäten für die Chile-Fahrt zu besprechen. Das von Bezirkshauptmann Karl Mark geführte Ensemble umrahmt die Festlichkeiten´in Frutillar.

Verlorene Heimat
Das von den chilenischen Zillertalern auf die Beine gestellte Programm umfasst unter anderem einen ökumenischen Gottesdienst, einen Festakt mit prominenten Ehrengästen und einen Tiroler Abend. Kinder der deutschen Schule, deren 100-Jahr-Jubiläum gefeiert wird, führen das Stück "Verlorene Heimat" von Felix Mitterer auf.


Nach dem Bekenntnis zur freien Religionsausübung in der Unabhängigkeitserklärung der USA (1776) und Französischen Revolution(1789) war das Toleranzpatent 1781 mit Einschränkungen versehen, wodurch Ideen der Aufklärung - religiöse Toleranz und Gleichberechtigung - unterlaufen wurden und die Ausweisungen ein unzeitgemäßes Relikt und als solches ein Spezifikum der Tiroler Geschichte darstellten (vgl. RIEDMANN 1982, 115; LEEB 2001, 231).

2.5 Protestantenpatent 1861
Mit dem Protestantenpatent 1861 war in Tirol keineswegs die Gründung einer evangelischen Gemeinde möglich. Meran als Kurort hatte zwar gleich einen Betsaal für die vielen evangelischen Gäste eingerichtet, eine Gründung einer Pfarrgemeinde war dies nicht. Die Mehrheit des Tiroler Landtages beschloss in der Folge ein Gesetz, wonach die Bildung einer evangelischen Gemeinde verboten sei. Wien bestätigte dieses Landesgesetz nicht, 1863 verabschiedete der Landtag daraufhin ein Gesetz über die Zulassung einer privaten Religionsausübung. Als Sprecher dieser politischen Bewegung sprach der Brixner Fürstbischof Vinzenz Gasser von der Einheit des Glaubens als kostbarem Edelstein im Ehrenkranz Tirols (vgl. GELMI 2001). "In diesem Bild vom Ehrenkranz Tirols ist für Evangelische kein Platz, zugespitzt formuliert: kein Evangelischer konnte ein guter Tiroler sein" (LEEB 2001, 231). Die gesteigerte Frömmigkeit in Europa zeigte sich in Tirol im Herz-Jesu-Kult. Der gefühlsmäßige Widerstand gegen evangelische Gemeindegründungen hat hier seine Wurzeln.
Einer der Wortführer einer liberalen Gruppe in Tirol war der Jenbacher Gastwirt und Arzt Norbert Pfretschner , der als Reichstagsabgeordneter noch in seiner Jugend die Ausweisung der Zillertaler erlebt hatte. Demonstrativ gab er seinem Gasthaus den Namen "Zur Toleranz".
Die Reichsverfassung 1867 brachte erst einen Durchbruch mit den Gemeindegründungen 1876 von Meran und Innsbruck die ersten öffentlich anerkannten evangelischen Pfarrgemeinden in der Geschichte Tirols. Mit dem Verlust der Glaubenseinheit des Landes reichte auch Fürstbischof Vizenz Gasser seinen Rücktritt bei Papst Pius IX. ein, der ihn jedoch zum Weitermachen ermunterte, da in Rom sich inzwischen auch eine evangelische Gemeinde konstituiert hatte. 1883 war es im Landtag chancenlos, das Protestantenpatent zu kippen.

2.6 Protestantismus um die Jahrhundertwende
In Kärnten, der Steiermark, Oberösterreich und dem Burgenland entwickelten sich aus evangelischen Tradition heraus Toleranzgemeinden. In Tirol gab es keine bodenständigen evangelischen Christen mehr, vielmehr handelte es sich um größtenteils Zugezogene (Beamte, Armeeangehörige und Wirtschaftstreibende). Vor allem gab es kein evangelisches Leben, wie es etwas in den bäuerlich sozialisierten Toleranzgemeinden der Fall war. Damit war ein gleichberechtigtes und zwangloses Verhältnis zur katholischen Umwelt nicht möglich. "Für die konservative katholische Mehrheit in Tirol waren Luthertum und Protestantismus landfremd, sie waren Stellvertreter und Einfallstor für alles Liberale, Umstürzlerische, nicht Vaterlandstreue..." (LEEB 2001, 232).
Protestantismus stellte sich als moderne attraktive Alternative - im Hinblick auf das Mutterland der Reformation - dar. Gegner des politischen Katholizismus suchten naturgemäß hier eine Heimat, es kam - wie am Beispiel Innsbrucks zu beobachten ist - zu vielen Übertritten.
Um die Jahrhundertwende kam es zu "Los-von-Rom-Bewegung", die sich weniger in Übertritten als in Austritten zeigte. Die evangelische Glaubensbewegung in Tirol lief Gefahr, in das deutsch-nationale Eck gedrängt zu werden. Die Bewegung selbst hat im Land kaum Niederschlag gefunden. Zumeist aus Deutschland kommende Pfarrer versuchten allerdings bewusst, evangelische Mission im katholischen Österreich zu betreiben. Ein überaus kämpferischer geistlicher Amtsträger war in Innsbruck Ludwig Mahnert, wobei ab 1923 er in der Konfliktsituation der Ersten Republik deutsch-nationales Gedankengut verbreitete und letztlich auch die Gemeinde in den Umkreis illegalen Nationalsozialismus brachte (vgl. LEEB 2001, 233).

2.7 Nachkriegszeit
Nach einer massiven Austrittswele 1938 mussten 1945 und danach durch die Flüchtlingsströme, in der Folge Aussiedler und später Tourismusgäste evangelisches Leben und Kirchenorganisation neu gestaltet werden. Gottesdienste in kirchenfremden Räumlichkeiten, Neubau von Kirchen und Gemeindezentren mit Gründung von Pfarrgemeinden als Körperschaften öffentlichen Rechts sowie die Versorgung mit Religionsunterricht waren wesentliche Aufgabenfelder. Gleichzeitig versuchte in der unmittelbaren Nachkriegszeit die "Innere Mission" (später "Diakonie) die Sicherstellung der alltäglichen Lebensbedürfnisse über die Pfarr- und Tochtergemeinden sowie Predigstationen zu gewährleisten.

2.8 Gegenwart
Kennzeichnend für die Evangelische Kirche - nicht nur in Tirol - war eine zunächst betont unpolitische Haltung. Diese hat sich inzwischen mit Beschlüssen der Generalsynoden in den letzten Jahrzehnten geändert. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang besonders an das ausdrückliche Bekenntnis zur Demokratie und der Europäische Union als Friedensgemeinschaft sowie die Mitarbeit in internationalen kirchlichen Organisationen (u.a. Lutherischer Weltbund, Weltkirchenrat, Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen Europas) und der Ökumene. Themen wie Armut, Migrantentum und Bildungsfragen spielen in der Aufgabenstellung ebenso eine Rolle.
Für Tirol ist zu vermerken, dass sich das Verhältnis der Konfessionen zueinander grundsätzlich änderte. Erfahrungen des Krieges und der NS-Zeit brachten eine Wende, auch die zunehmende Säkularisierung und die großen Tourismusströme spielten eine Rolle. Auf offizieller Ebene war das II. Vatikanische Konzil entscheidend. Nur so war etwa die Versöhnungsfeier im Defreggental 2002 möglich.
Innerkirchlich vertreten die sieben Tiroler Pfarrgemeinden - Innsbruck West und Ost, Oberinntal, Reutte, Jenbach, Kufstein und Kitzbühel mit ihren Ehrenamtlichen - in ihren kirchlichen Gremien die Interessen evangelischer Christen, über die Pfarrgemeinden hinaus in der Diözese Salzburg-Tirol und in Kommisssionen, Ausschüssen und Leitungsgremien der Gesamtkirche. Ein besonderes Problem stellt die unzureichende Zahl ehrenamtlicher Mitarbeiter dar (vgl. DICHATSCHEK 2005a, 14). Entsprechende Angebote zur Schulung liegen vor.
1966 wurde die selbstständige Diözese Salzburg-Tirol begründet.
2004 wurde das "Evangelisches Bildungswerk in Tirol" reaktiviert (vgl. DICHATSCHEK 2005b, 126-130). 2005 übersiedelte - kirchengeschichtlich einmalig - die Superintendentur der Diözese Salzburg-Tirol von Salzburg nach Innsbruck. 2006 konnte ein "Offenes Evangelisches Kirchenzentrum" in Innsbruck(Christuskirche) eröffnet werden. Mit diesen Aktivitäten wurden Akzente evangelischen Glaubenlebens über Jahre hinweg gesetzt.

2.9 Literaturhinweise
Biasi F.(1948): Die Lutherische Bewegung in der Herrschaft Kitzbühel von ihren Anfängen bis zum Tode Ferdinands II.(1595) - Unveröffentlichte Dissertation an der Universität Innsbruck
Dichatschek G.(2005a): Das Rollenspektrum ist groß. Überlegungen zur Nachwuchsfrage in zukunftsorientierten Pfarrgemeinden, in: SAAT Nr. 3/2005, 14
Dichatschek G.(2005b): Theorie und Praxis evangelischer Erwachsenenbildung, in: AMT und GEMEINDE, 56. Jg., Heft 7/8 2005, 126-130
Dissertori A.(1964): Auswanderung der Defregger Protestanten 1666-1725/Schlernschriften 235/1964, Innsbruck
Gelmi J.(2001): Geschichte der Kirche in Tirol. Nord-, Ost- und Südtirol, Innsbruck-Wien-Bozen
Goerz H.-J.(1995): Antiklerikalismus und Reformation, Göttingen
Heckel M.(1983): Deutschland im konfessionellen Zeitalter, Göttingen
Heim W.-D./Reiter M./Weidinger K.(2006): 150 Jahre Zillertaler Einwanderung in Chile - Festschrift 1856-2006, Brandberg-Finkenberg-Hippach-Mayrhofen-Raumsau i.Z.-Schwendau
Hörhager P.(2006): "Im Herzen sind wir Zillertaler", in: Tiroler Tageszeitung Nr. 257-TU, 7. November 2006, 21
Kühnert W.(1973): Die evangelisch gesinnten Zillertaler und ihre Vertreibung im Jahre 1837, in: Über die evangelische Vergangenheit und Gegenwart im unteren Inntal, Zillertal und Achenseegebiet - Festschrift, Jenbach, 15
Kühnert W.(2001): Evangelischer Glaube in Tirol. Bezeugt-verfolgt-geduldet, in: 125 Jahre evangelisch in Tirol - Festschrift zur 125-Jahr-Feier der evangelischen Gemeinden in Tirol, Innsbruck 2001, 9-22
Landesschulrat für Tirol(2006): Verordnungsblatt des Landesschulrats für Tirol 2006/Stück X, 15. Oktober 2006, Nr. 75 "Symposium und Seminar 'Verbrannte Visionen' - Jakob Hutterer und die Täuferbewegung"
Leeb R.(2001): Protestantismus und evangelische Kirche als Teil der Geschichte Tirols, in: AMT und GEMEINDE, 52. Jg., Heft 9/2001, 227-236
Leeb R.-Liebmann M.-Scheibelreiter G.-Tropper P.G.(2003): Geschichte des Christentums in Österreich. Von der Spätantike bis zur Gegenwart, Wien
Mecenseffy G.(1971): Täufertum in Kitzbühel, in: Stadtbuch Kitzbühel, Bd. IV: Von der Vergangenheit bis zur Gegenwart, Kitzbühel, 153-163
Mecenseffy G.(1975): Täufer in Tirol, in: 125 Jahre evangelisch in Tirol - Festschrift zur 125-Jahr-Feier der evangelischen Gemeinden in Tirol, Innsbruck 2001, 23-29
Plaiker P.(2001): Etwas diskriminiert. 125 Jahre evangelische Kirche in Tirol, in: Tiroler Tageszeitung, 22. Juni 2001, 2
Riedmann J.(1982): Geschichte Tirols, Wien
Schlachta A.v.(2006): Die Hutterer zwischen Tirol und Amerika - Eine Reise duch die Jahrhunderte, Innsbruck

Internethinweise:
http://www.ebw-tirol.net/

http://www.sichtbar-evangelisch.at
/

http://www.gewaltueberwinden.org
/
http://www.mnemopol.net
/
http://www.lehrerinnenplattform.at
/
http://www.sagen.at
/
http://www.tirol.com/chronik/unterland/49630/index.do
/

2.10 Theaterstücke
Karl Schönherr(1867-1943): "Glaube und Heimat. Tragödie eines Volkes"(1910)
Felix Mitterer(1948): "Verlorene Heimat" - Stumm: Zillertaler Volksschauspiele 1987


Dr. Günther Dichatschek ist Lehrbeauftragter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien(Berufspädagogik/Vorberufliche Bildung), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol, Mitglied der Bildungskommission der Generalsynode der Evangelischen Kirche A. und H.B. und Gründungsteilnehmer der Lehrerinnenplattform für Politische Bildung des bm:bwk .

Mag. Herbert Jenewein ist Absolvent des Instituts für Volkskunde der Universität Innsbruck, Autor von "Sagen und Mythen im Wilden Kaiser" und freier Mitarbeiter im Evangelischen Bildungswerk in Tirol.

© die jeweiligen Autoren