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Evangelische Spurensuche in Spanien

Quelle: Saat, bearbeitet von Manfred Brantner

Rund 0,4% der spanischen Bevölkerung gehören der protestantischen Kirche an. Sevilla und das kleine Städtchen El Escorial zählen zu den Keimzellen des reformatorischen Gedankengutes auf der iberischen Halbinsel.

Im kleinen Städtchen El Escorial, rund 40 km von Madrid entfernt, ist das Klosterschloss San Lorenzo de El Escorial zu bestaunen. Die Kirchengeschichte schließt seltsame Kapriolen nicht aus. Jahrelang hat hier König Philipp II, der politische Vater der europäischen Gegenreformation gelebt und den Baufortschritt seines Lieblingsobjektes, der steingewordenen Idee der untrennbaren Einheit von römisch-katholischer Kirche und Staat, beobachtet. Ausgerechnet dieses Gebäude wurde im Jahr 1880 von Pfarrer Fritz Fliedner, dem Einiger der spanischen Protestanten und Sohn des "Kaiserswerther Diakonisenvaters" Theodor Fliedner, erworben.
Nach einer Zeit als "Friedensheim" für Kinder und Jugendliche ist das ehemalige Klosterschloss jetzt Keimzelle einer evangelischen Bildungs- und Tagungsstätte. Das Gebäude enthält nicht nur ein Studentenwohnheim, das zugleich nicht nur Tagungsstätte für Freizeiten und Kongresse ist, sondern auch der Sitz der evangelisch theologischen Fakultät SEUT mit öffentlicher mit öffentlicher Bibliothek und Kapelle ist hier zu finden.
Versöhnt mit Staat und Gesellschaft nach schwerer Zeit ist auch die Atmosphäre im Zentrum des spanischen Protestantismus, im Schulzentrum El Porvenier, in Madrid. Diese Schule feierte 1997 unter beträchtlicher öffentlicher Aufmerksamkeit ihr 100-jähriges Bestehen. Die langjährige Kinder- und Jugendarbeit genießt auch bei Katholiken hohes Ansehen.
Die Dritte Generation nach dem Aufschwung des Protestantismus in Spanien in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wird von der "großen alten Dame der Evangelischen in Spanien",  Elfriede Fliedner,  die 91-jährige Enkelin von Fritz Fliedner, repräsentiert. Erst in diesem Jahrhundert, rund 300 Jahre nach der Ausrottung der evangelischen Gemeinden, hatte das Land unter dem von den Waldensern beeinflussten Sänger Francisco de Paula Ruet und seinen Freunden mit großen Kämpfen eine "zweite Reformation" erlebt, auf die Fritz Fliedner aufbauen konnte. Die Zeit der Entwicklung in Spanien ist geprägt von Diktator Primo de Rivera, einer republikanischen Phase, vom blutigen Bürgerkrieg, von den Behinderungen und Schikanen der Nachkriegszeit unter dem radikal-katholischen Franco-Faschismus und vom Neuanfang nach 1975, als Spanien eine Verfassung erhielt, die Religionsfreiheit garantierte.
Auch Sevilla, die Hauptstadt Andalusiens, war ein wichtiges Zentrum von reformatorischem Gedankengut. Gerade in dieser Stadt regte sich das neue Verständnis der christlichen Botschaft, auch in der Umgebung des Kaisers. "Wenn dieser ein Ketzer ist, dann ist er ein großer Ketzer", sagte Karl V. anerkennend über seinen Hofprediger Constantino Ponce de la Fuente, der von der Kanzel des Domes unter großem Zulauf evangelisch predigte und deshalb zum Feuertod verurteilt wurde.
Der Humanist Alfons de Valdes, der in Spanien wirkte, gelangte von sich aus zu reformatorischem Denken, während sein Zwillingsbruder Juan in Italien evangelisch gesinnte Menschen um sich versammelte. Der Diplomat Juan Perez de Pineda leitete in Sevilla die städtische Erziehungsanstalt in evangelischem Sinn und übersetzte das Neue Testament ins Spanische.
Dass die Wurzeln Spaniens nicht allein im Katholizismus liegen wird in Cordoba deutlich. Dies zeigt das Denkmal des jüdischen Gelehrten Moses Maimonides und die Statue des arabischen Philosophen Averroes, der die christliche Theologie bekannt gemacht hat.