Shimon Gibson: Die sieben letzten Tage Jesu

Die Leidensgeschichte Jesu wird in den vier Evangelien des Neuen Testamentes ausführlich geschildert. In den Einzelheiten weichen jedoch diese Berichte voneinander ab. In seinem Buch „ Die sieben letzten Tage Jesu“ hat es der bekannte Archäologe Shimon Gibson unternommen, auf Grund seiner Forschungen den genauen Hergang der Geschehnisse darzulegen. So konnte er vor allem nachweisen, an welchen Orten die entscheidenden Ereignisse stattfanden. Das Buch beginnt mit dem Einzug Jesu in Jerusalem und vermittelt ein eindrucksvolles Bild vom Aussehen der Stadt in jener Zeit. Den Mittelpunkt bildete der von Herodes d. Gr. wieder errichtete Tempel, der in seiner Größe und Pracht als ein Weltwunder galt.
Die römische Besatzungsmacht hatte eine Reihe von Palästen für sich in Anspruch genommen. Dazu gehörte vor allem das Prätorium als Amtssitz des Statthalters und die im Norden gelegene Burg Antonia, von der aus man die ganze Umgebung überblickte. In der Oberstadt lagen die Villen der Wohlhabenden und die Wohnsitze der führenden jüdischen Priesterschaft. In der Nähe des ausgedehnten Tempelbezirkes befanden sich die für die rituellen Waschungen vorgesehenen Teiche Siloa und Bethesta, wo Jesus als Wundertäter auftrat.
Gibson konnte auch die Lage jenes Hauses ermitteln, in dem das „letzte Abendmahl“ stattgefunden hatte und begründete überzeugend, warum sich anschließend Jesus mit seinen Jüngern in den Garten Gethsemane begeben hatte, der jenseits des Kindrontales am Abhang des Ölberges lag, um dort die Nacht zu verbringen. Nach seiner Gefangennahme wurde er dem Synedrium vorgeführt und nach seinem Verhör durch den Hohepriester dem römischen Statthalter ausgeliefert. Später wurde irrtümlich angenommen, dass seine Verurteilung durch Pontius Pilatus in der Burg Antonia stattfand. In Wirklichkeit war jedoch das Prätorium der Schauplatz dieses Ereignisses. Noch bedeutsamer ist der von Gibson erbrachte Nachweis, dass Jesus nicht in unmittelbarer Nähe der Grabeskirche gekreuzigt wurde, sondern „Golgatha“ auf einem Felsenhügel nahe der Stadtgrenze lag. Daher entspricht auch die seit dem Mittelalter als „Via Dolorosa“ bezeichnete Straße nicht dem tatsächlichen Weg Jesu zur Hinrichtungsstätte und ist demnach nur Illusion.
Eingehens widmete sich Gibson auch der Grablegung Jesu, der im Garten des Arimathia in einem Felsengrab bestattet wurde, dessen Zugang durch einen großen vorgelagerten Stein gesichert war. Ausführlich behandelt er auch die Gepflogenheiten im Umgang mit den Verstorbenen, deren Leichnam mit Leinentüchern umwickelt wurde. Zu den bedeutsamen Entdeckungen des Forscher gehört auch die Auffindung des Grabtuches eines im l. Jahrhundert n. Chr. Gekreuzigten, während das viel umstrittene Turiner Grabtuch nachweislich erst aus der Zeit des Hochmittelalters stammt.
Das Aufsehen erweckende Buch ist eine der wichtigsten Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Archäologie und fesselt zugleich durch seine mitreißende Art der Darstellung, die den Leser am Schicksal Jesu auf eine Weise teilnehmen lässt als wäre er gleichsam selbst ein Augenzeuge dieses Geschehens.
Lieselotte von Eltz
Shimon Gibson: Die sieben letzten Tage Jesu: Die archäologischen Tatsachen. Aus dem Englischen von Rita Seuß. C.H Beck Verlag, München 2010, 272 Seiten mit 58 z.T. farbigen Abb.,€ 19,95. |