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Die Kirche oder „Was soll ich noch bei dem Verein?“
Bild: Tempelmeister / pixelio.de
Es ist ganz einfach: Man geht zur Bezirkshauptmannschaft, erklärt, dass man nicht mehr Kirchenmitglied sein will, unterschreibt, und die BH schickt diese Erklärung an die Pfarrgemeinde.
„Was soll ich noch bei dem Verein?“ Das ist oft die Frage, die mir gestellt wird, wenn ich nach den Motiven des Kirchenaustritts frage. „Die Kirche gibt mir längst nichts mehr! Und den Gottesdienst an Weihnachten oder Ostern besuchen – das kann ich ja trotzdem. Oder mal im Urlaub in eine Kirche gehen, mich in Ruhe dort in eine Bank setzen und nachdenken und beten – das ist ja auch immer möglich. Ja, es gibt sogar genügend Pfarrer, die jemand auch dann beerdigen, wenn er aus der Kirche ausgetreten ist, vorausgesetzt, die Angehörigen sind Kirchenmitglieder und wünschen seelsorgerlichen Beistand.“
Es stimmt: Viele Angebote der evangelischen Kirche sind auch für Nichtmitglieder zugänglich. Niemand wird am Kircheneingang nach einem Mitgliedsausweis gefragt. Kein Pfarrer verweigert jemandem ein Gespräch, wenn er oder sie in einer Notlage zu ihm kommt.
Aber es ist in meinen Augen eine fragwürdige Haltung: die finanziellen Belastungen durch den Kirchenbeitrag abzuschütteln und damit zu rechnen, dass meinen Teil schon die anderen mittragen. Meinen Teil an den Kosten des Kirchengebäudes, des Gemeindezentrums, an der Verwaltung, der Infrastruktur, am Gehalt des Pfarrers und vielem mehr. Wenn der „Betrieb“ laufen soll, dann braucht es eine finanzielle Grundausstattung.
Kirchen haben durch die Jahrhunderte immer wieder ein Auf und Ab erlebt. Derzeit befinden wir uns – in Europa anders als in anderen Teilen der Welt – in einer Abwärtsbewegung. Bei krisenhaften Ereignissen sind die Gottesdienste auch heute noch voll, genauso wie an Weihnachten und Ostern. Aber es gibt derzeit relativ viele Menschen, die es zwar gerne sehen, dass die Kirche im Hintergrund da ist (man kann ja nie wissen, wann man sie mal braucht), sich aber abmelden von der Verantwortung.
Aber genau das ist der Punkt: die Verantwortung, die ich übernommen habe bei meiner Taufe, bei meiner Konfirmation. Kirche ist immer zweierlei: einerseits eine Gabe Gottes und andererseits ein Gebilde, an dem ich mitbauen muss, damit es weiter wächst. Diese paradoxe Aussage ist schwer zu verstehen. Aber sie sagt, dass Kirche mehr ist als ein Verein, den man gründen kann, weil ein paar Leute das wollen, und wenn es niemand mehr interessiert, dann lösen wir ihn halt auf.
Auch wenn Sie die Kirche nicht mehr brauchen: vielleicht braucht die Kirche und unsere Gesellschaft Sie! Ihre Begabung, Ihre Begeisterung, Ihre Zeit. Der Kanontext: „Einsam bist du klein, jedoch gemeinsam werden wir Anwalt des Lebendigen sein“ ist eine Ansage für das gesellschaftliche Engagement der Christen, das jede von uns leisten kann aus dem Wissen um die unverbrüchliche Zuwendung Gottes zu uns. Taufgnade nennt man das mit einem alten Begriff. Je mehr wir sind, umso eher können wir zeigen, was uns möglich ist, können wir das Gesicht dieser Welt verändern.
Wir sind große Klasse, wenn es darum geht, zu analysieren, wie schlecht alles ist, wie wenig Vertrauen wir in gesellschaftliche Institutionen haben, wie übel uns mitgespielt wird. Aber wir sind wenig initiativ, wenn es darum geht, selber aktiv zu werden, um Zustände zu ändern.
Mein Vorschlag: seien Sie dabei. Ihre Taufe und die darin erfahrene Zuneigung Gottes kann ihr Leben fruchtbar machen für unsere Gemeinschaft.
Kirche ist mehr als ein Verein. Denn Kirche weist über diese Welt hinaus. Sie lebt von der Begegnung der Menschen untereinander und mit Gott. Sein Wort zu hören, die Sakramente zu empfangen, zu singen und zu beten, tröstet, heilt, schafft Kraft zum Handeln heute und jetzt, aber öffnet auch den Blick über die Gegenwart hinaus. Glauben ist immer auch das Vorspiel der Ewigkeit.
Herr, erwecke deine Kirche
und fange bei mir an.
Herr, baue deine Gemeinde
und fange bei mir an.
Herr, lass Frieden überall auf Erden kommen
und fange bei mir an.
Herr bringe deine Liebe und Wahrheit
zu allen Menschen
und fange bei mir an.
(Gebet aus China)
Superintendentin Mag. Luise Müller
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