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Jenische in Tirol

Minderheiten in Tirol
Ein Beitrag zur politischen Bildung/Erziehung und "Dekade zur Überwindung von Gewalt"/ÖRK Genf von Günther Dichatschek und Herbert Jenewein

Vorbemerkungen
Minderheiten in Tirol ist ein Thema, das eher zögernd bearbeitet wird.
Jenische in Nord- und Südtirol sind als Volksgruppe wenig erforscht, eine Auseinandersetzung ist daher reizvoll: einmal aus Gründen einer Minderheitssituation, zum anderen aus kulturellen Gründen und Gründen politischer Bildung/Erziehung. Erkenntnisse aus der Schweiz bereichern die Auseinandersetzung mit dieser Volksgruppe.
Der Protestantismus in Tirol bedarf aus evangelischer Sicht einer zeitgemäßen Darstellung.
Das Judentum in Tirol ist erst mit der zeitgeschichtlicher Forschung aktualisiert worden. Auch hier bedarf es einer Auseinandersetzung.
Die drei Themenbereiche sind mit Phänomenen von kulturellen und religiösen Konflikten sowie Diskriminierung, Gewalt und Vertreibung besetzt. In allen Bereichen liegt Material vor, das zu aktualisieren und zu bearbeitet gehört. Jenisches Kulturgut ist kulturgeschichtlich und volkskundlich, der Protestantismus kirchengeschichtlich und das Judentum zeitgeschichtlich von Interesse.
Das Evangelische Bildungswerk in Tirol möchte mit diesem laufenden Projekt seinen Beitrag als Schwerpunktthema 2006 - 2007 zur Erwachsenenbildung in Tirol leisten.
Die Thematik gehört darüberhinaus in eine zeitgemäße politische Bildung/Erziehung (vgl. BEER-CREMER-MASSING 1999, 233 und HÄNDLE-OESTERREICH-TROMMER 1999, 105-114; Verordnungsblatt des Landesschulrats für Tirol, Jg. 2006/Stück X, 15. Oktober 2006, Nr. 75 "Symposium und Seminar 'Verbrannte Visionen' ").



1. Jenische in Tirol
1.1 Zur Herkunft der Jenischen/Erklärungsversuche

Zur Herkunft der Jenischen - auch "Karrner", "Grattenzieher", "Landfahrer", "Dörcher" und "Laninger" genannt - gibt es widersprüchliche Erklärungsversuche, die sich in drei Hypothesen unterteilen lassen.

Hypothese 1
Die Jenischen kommen aus der ansässigen, einheimischen Bevölkerung und wurden durch soziale Umstände, vor allem aus Armut, zur Wanderschaft gezwungen.
Für diese Theorie spricht die Tatsache, dass es vor allem in Tirol eine sehr lange Tradition der Zeitwanderer gab, also Menschen gab, die zum Zweck von Erwerbsarbeit für kurze oder auch längere Zeit auswanderten, um in der Fremde Geld zu verdienen.
Zu dieser Gruppe gehören Maurer, Stukkateure, Steinmetze, Zimmerleute und Taglöhner aus dem Oberinntal, Lechtal, Vorarlberg und Welschtirol, die überall herumzogen. Ebenso kamen Bergknappen aus dem Berggericht Landeck, die in den Bergwerksgebiete Europas arbeiteten. Auch Kalk-, Ziegel- und Kohlenbrenner wanderten in die benachbarten Länder. Es war üblich, die Heimat für einige Zeit zu verlassen, um auswärts Geld zu verdienen (vgl. die sog. "Schwabenkinder", dazu ausführlich UHLIG 2003).
MERGEN (1949, 36) führt Berufe an, die für die Jenischen als typisch zu bezeichnen sind: Besenbinder, Kesselflicker, Schleifer und das Hausieren mit verschiedensten Waren. Es wäre durchaus denkbar, dass sich aus dieser Tradition unter bestimmten Umständen - man denke an Armut - eine fahrende Lebensweise entwickelte, d.h. dass nicht mehr einzelne Personen einer Familie auf Wanderschaft gingen, sondern die gesamte Familie auszog, um dann immer wieder in der ursprünglichen Heimat das Winterlager aufzuschlagen.
HUONKER (1990) kritisiert die Annahme, dass Jenische ihren Ursprung in der jeweiligen Ortsbevölkerung haben und dass sie aufgrund von Verarmung zu fahrenden Lebensweise gezwungen waren. Er meint, dass dies ein typischer Versuch von Wissenschaftlern im Umkreis des Nationalsozialismus sei. Diese Erklärungsversuche der Herkunft der Jenischen stimmen darin überein, ihnen den Status einer eigenen Ethnie abzusprechen.

Hypothese 2
Jenische sind Nachkommen von Flüchtlingen aus dem Dreißigjährigen Krieg. MANTL (1977) meint dazu, dass dass man in den "Karrnern" und "Dörchern" nur die Nachkommen jener "Kinder der Landstraße" sehen kann, die nach den Religionswirren und dem Dreißigjährigen Krieg in Gruppen zu Hunderten nach Süden drängten, um eine neue Existenz und Heimat zu suchen, die sie nur in Österreich zu finden glaubten.
Gegen diese Annahme spricht, dass bereits 1574 und 1660 Erlässe existierten, die von Landfahrern, Bettlern und Fahrenden berichten. Es ist nicht eindeutig erkennbar, ob es sich hier um Jenische handelte. Grundsätzlich ist das Phänomen schon vor dem Dreißigjährigen Krieg bekannt.

Hypothese 3
Die Jenischen gehören zur Romanes-Gruppe. Mariella MEHR (1987) - als jenische Schriftstellerin aus der Schweiz - vertritt die Ansicht, es habe bereits bei der gemeinsamen Auswanderung der "Zigeuner" aus ihrer Urheimat Indien einen Zweig der weißen Zigeuner gegeben. Sie vermutet einen Zusammenhang zwischen den Schweizer Jenischen und dem Stamm der Kalderas in Osteuropa (dazu ausführlich HUONKER 1990, 17).
Die Herkunft der Jenischen ist nicht geklärt bzw. nicht endgültig klärbar, wobei einiges für die erste Hypothese spricht. Diese impliziert jedoch nicht, dass es sich nicht um eine eigene Ethnie handelt. Die Entwicklung einer eigenständigen Lebensweise, Kultur und Sprache sind Parameter genug, um hier von einer Ethnie sprechen zu können.

1.2 Jenische in Nordtirol
Das Postulat der über eineinhalb Jahrhunderte duchgeführten "Landfahrer-Politik" lautete Sesshaftmachung der "Karrner". Am deutlichsten tritt das Bestreben des Staates zur Sesshaftmachung der Fahrenden in den Gesetzessammlungen zu Tage. Die "Tiroler Karren- und Grattenzieher" scheinen erstmals am Beginn des 19. Jahrhunderts in dem Tiroler Gubernium auf. Darin wird betont, dass "die sogenannten Karren- oder Grattenzieher, die sich der Steinesel bedienen, nur die Hälfte des betreffenden Weg- und Brückengeldes entrichten dürfen" (vgl. PROVINZIAL-GESETZESSAMMLUNG VON TYROL UND VORARLBERG 1815, Tiroler Landesarchiv; JÄGER 2003, 21-22).
Ein zeitlich darauf folgendes Dekret aus dem Jahre 1817 rückt die "Karrner" bereits in ein zweifelhaftes Licht. Die Verfasser geben den Landfahrern die Mitschuld an der Verbreitung der Pocken, da sie ihren Aufenthalt ständig wechseln. Aus diesem Grund sei herumziehenden Dörchern und Laningern kein Pass mehr zu verabfolgen, wenn sie sich nicht über die Impfung ihrer Kinder ausweisen können (PROVINZIAL-GESETZESSAMMLUNG VON TYROL UND VORARLBERG 1817, Innsbruck 1824, Theil II, Bd. 4). Eine Zwangsimpfung für ungeimpfte "Karrnerkinder" war vorgesehen.
Spricht man vom Umgang des Staates mit den Jenischen, so hat man grundsätzlich zwischen dem Umgang mit Regierenden und der Gemeinde zu unterscheiden. Die Regierenden entwarfen die Maßnahmenkataloge zur Sesshaftwerdung, die Gemeinden waren neben den Polizei- und Bezirksbehörden ausführende Organe. Oftmals lief die Diskriminierung der Landfahrer in den Landgemeinden den von oben ausgegebenen Verordnungen diametral entgegen.
Laut einem Gubernialdekret aus dem Jahre 1845 wird jeder Untertan einer Heimatgemeinde - zumeist der Gemeinde seiner Eltern oder jener des Familienoberhaupts - zugeordnet (vgl. PROVINZIAL-GESETZESSAMMLUNG VON TYROL UND VORARLBERG 1845, Innsbruck 1847, Bd. 32). Die Heimatgemeinde ist gesetzlich verpflichtet, für notleidende Gemeindemitglieder Hilfeleistungen in Form von Geld, Naturalien oder Unterkunft bereitzustellen.
Da die Jenischen allgemein zu den ärmeren Gesellschaftsschichten zählten, befanden sich unter ihnen auch verhältnismäßig viele Fürsorgeempfänger. Aus diesem Grund fühlten sich Gemeinden mit hohem Landfahrer-Anteil benachteiligt und versuchten, die Zahl der Heimatberechtigten niedrig zu halten (vgl. JÄGER 2005, 229; PESCOSTA 2003, 109-110). Das ungesetzliche Verhalten der Gemeinden fand bei der Tiroler Landesregierung allerdings keine Billigung. Die geistlichen Ordinariate wurden im Rahmen des Dekrets eindringlich aufgefordert, für die ordnungsgemäße Eintragung aller ehelichen und unehelichen Landfahrerkinder in die Taufbücher zu sorgen. Der Staat hatte zwar an eine Lösung des "Landfahrer-Problems" gedacht, aber hinter seiner Vorgehensweise fand sich noch keine Strategie zur Sesshaftwerdung der Jenischen.
Diese zunächst etwas zurückhaltende Haltung gegenüber den Jenischen ändert sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts. 1853 tritt die Tiroler Landesregierung erstmalig mit einem umfassenden Maßnahmenkatalog gegen das "bestimmungslose Umherziehen" der "Karrner" auf. Der erste und bedeutende Ansatz zur "Bekämpfung des Karrnerunwesens in Tirol" erfolgte über die Einbehaltung von Reisepässen. Diese Maßnahme beinhaltete einen massiven Angriff auf die Lebensgrundhaltungen der Landfahrer, denn ohne Reisepässe ist ein Umherziehen und damit ein Ausüben der traditionellen fahrenden Berufe innerhalb eines gesetzlichen Rahmens nicht mehr möglich.
Die Kinder der "Karrner" nahmen eine zentrale Stellung ein (vgl. JÄGER 2005, 232 bzw. 235). Sie sollen frühzeitig aus dem "Karrnermilieu" entfernt werden, und zwar durch das Verbot, "erwachsene Kinder" mit auf Reisen zu nehmen und durch Integration der Heranwachsenden in die sesshafte Gesellschaft der Heimatgemeinden. Dabei gebraucht der Staat auch Mittel der Gewalt und der Abschreckung, etwa durch die Drohnung, die Söhne in die Armee einzuziehen oder die Töchter in ein Zwangsarbeitshaus einzuweisen. Die Gesetzgeber versprachen sich von der Wegnahme der Kinder von deren Eltern eine schnellere Zerschlagung des "Karrnerwesens".
Die Verantwortung für die Integration der Kinder und Heranwachsenden fiel den Heimatgemeinden zu. Sie müssen für die Unterbringung bei Bauern und gegebenenfalls für deren Berufsausbildung aufkommen. Darin liegt der Schwachpunkt des Gesetzestextes von 1853 und der Grund, warum die Sesshaftmachung der "Karrner" erst nach dem Zweiten Weltkrieg Wirklichkeit wurde. Die Hilfeleistungen waren für die Gemeinden eine kostspielige Angelegenheit. Eine staatliche Integration hätte diese Kosten noch weiter in die Höhe schnellen lassen.
Die Gemeinden versuchten durch verschiedenste Maßnahmen, die eigenen "Karrner" möglichst lange aus dem Gemeindegebiet fernzuhalten, beispielsweise durch Ausstattung mit einer Wandergewerbelizenz.

1.3 Karrner - Zigeuner (19. Jahrhundert)
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts traten die "Karrner" im Zusammenhang der "Zigeunergesetzgebung" auf. Es liegt die Vermutung nahe, dass die fernstehenden Verwaltungsbehörden - etwa das Innenministerium - zwischen den verschiedenen Gruppen von Sippenwanderern nicht unterschieden haben. Die "Karrner" wurden aufgrund ihres Umherziehens nach "Zigeunerart" auch als solche angesehen. Dagegen unterschieden die dem Geschehen näherstehenden Bezirksbehörden sehr wohl zwischen den beiden fahrenden Gruppen. In einigen "Zigeunererlässen" wurden andererseits die "Karrner" explizit beim Namen genannt. Diese Erlässe sind in der Regel so aufgebaut, dass sie in der Einleitung und im Hauptteil ausschließlich die "Zigeuner" als Adressaten ansprachen, am Ende aber bemerken, dass die Bestimmungen auch für "Karrner" zu gelten haben. Es darf davon ausgegangen werden, dass den Tiroler Landfahrern der "Einheimischen-Bonus" zugute kam. Im Gegensatz zu den fremdländisch anmutenden "Zigeunern" waren die "Karrner" in Tirol ein vertrautes Bild. Sie wurden auch als "Tiroler" bezeichnet.

1.4 Zeit des Nationalsozialismus (1938 - 1945)
Im Vordergrund der nationalsozialistischen "Zigeunergesetzgebung" stand zunächst die vollständige Erfassung der Identität aller in Österreich lebenden "Zigeuner" und "der nach Zigeunerart umherziehenden Personen". Bereits am Ende der Dreißigerjahre war eine große Anzahl von "Karrnern" zur Sesshafttigkeit übergegangen. Sie lebten in äußerst ärmlichen Verhältnissen. Daneben gab es eine kleine fahrende Gruppe, die als Sippenwanderer auf traditionelle Weise vom Frühjahr bis zum Herbst durch das Land zogen. Die fahrenden "Karrner" liefen zumeist Gefahr, als "Zigeuner" abgestempelt und damit in ein Konzentrationslager deportiert zu werden. Mit Akribie wurde das "rassenbiologische Material" überprüft (vgl. PESCOSTA 2003, 147-170 mit Fallbeispiel).

1.5 Nachkriegszeit
Auch in Tirol wurden Untersuchungen in den Vierziger- und Fünzigerjahren über die "Karrner" angestellt. Eine wissenschaftliche Ableitung aus der Rassenbiologie ist unverkennbar. Friedrich STUMPFL schreibt etwa in einer Studie aus dem Jahre 1950: "Da sich die Landfahrer von der Landbevölkerung dieser Gebiete nicht unterscheiden, ergibt sich hieraus, dass sie sich offenar nicht auf fremdländische Vaganten zurückführen lassen und ebenso wenig als ein Ausscheidungsprodukt der Zivilisation angesehen werden können wie Verbrecher, auch nicht als ein abgesunkener, sozial unbrauchbarer Rückstand, gleichsam als Ergebnis einer Ausflockung auf Grund sozialbiologischer Vorgänge..........Wenn man jetzt auf der einen Seite einen festen Zwang zu geregelter Arbeit, auf der anderen Seite Begünstigungen in Schule und Erziehung und eine geduldige, aber beharrliche Bemühung darauf verwenden wird, diese Menschen allmählich als vollwertige Mitglieder in die Gemeinschaft aufzunehmen, so kann an dem Erfolg nicht gezweifelt werden" (STUMPFL 1950, 696).
Der Anregung, aus den "Karrnerkindern" "ordentliche Menschen zu bilden", indem man sie den Eltern entzieht, wurde in Nordtirol zum Teil entsprochen. Die Jugendämter entzogen manchen jenischen Eltern das Sorgerecht (vgl. dazu DEN BOTEN FÜR TIROL UND VORARLBERG, 25. November 1851, 1953: "Die Heimatgemeinde, welche sie oft jahrelang nicht auf ihrem Boden sieht, weil sie dort nicht die Mittel finden, sich zu ernähren, hat weder die Lust, noch ist sie in der Lage, die Kinder abzunehmen und zu erziehen, und dies wäre am Ende der einzige Weg, um die jüngere Generation zu ordentlichen Menschen zu bilden...").

1.6 Zur heutigen Situation der Jenischen
Jenische, die als Fahrende unterwegs sind, gibt es seit den 70ger Jahren in Tirol nicht mehr. Es gibt nur mehr sesshafte Nachkommen, die aber ihre Vergangenheit vergessen wollen. Die Diskriminierung und negative Vorurteile gegenüber Jenischen waren zu groß, als dass sie noch Wert auf ihre Tradition legen wollen (vgl. PESCOSTA 2003, 173-174).
Nachfahren von Jenischen müsste es in jenen Gebieten geben, in denen sie auch früher unterwegs waren. Dazu zählen das Inntal von Landeck bis Innsbruck, das Stanzertal von Landeck bis St. Anton/Arlberg, das Ötztal, das Mieminger Plateau, Nassereith, das Becken von Reutte, das Lechtal, das Gebiet um die Stadt Schwaz und das Zillertal.
Es gibt nur wenige Orte, die als Siedlungsgebiete jenischer Nachkommen bekannt sind/waren. Beispiele sind die "Mötzer Klamm", das "55er-Haus" in Telfs und die "Bock-Siedlung" im Innsbrucker Stadtteil Reichenau.
Ein anderer Name für "Karrner" und "Dörcher" ist "Laninger". Im Nassereither Dialekt gibt es ein Wort: die "Lande", vom spätlateinischen lanianda oder lania = streunendes , weibliches Wesen. Die "Lande" ist ein Schimpfwort, das nur gegen Frauen im mittleren Alter verwendet wird und bedeutet, dass eine Frau sich auf sittlichen Abwegen befindet. Der Laninger ist also der Sohn oder Nachfahre eines solchen Frauenzimmers.
Die Gruppe der Laninger schließt den sog. alten, traditionellen Teil der Telfer Fasnacht ab. Die Gruppe ist bei der Fasnacht - soweit man sie zurückverfolgen kann - immer dabeigewesen. Die Rollen des "Laningervaters" oder der "Laningermutter" werden an Personen vergeben, für die dies eine Ehre bedeutet.
Eine originelle Figur der Laninger ist der "Zotter", der vom Laningerkarren aus dem Publikum die Zunge zeigt. Ein Höhepunkt ist die Aufführung der Gruppe vor der Hypo-Bank im Untermarkt in Telfs. Am Ende der Aufführung der Laninger erklingt das bekannte "Laninger-Lied", das von einer eigenen "Musi" begleitet wird (vgl. GAPP 1996).

1.7 Jenische im Vinschgau/Südtirol
Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bildeten die "Vinschgauer Karrner" eine teilweise enge Gemeinschaft. Dies mag mit dem notwendigen Zusammenhalt auf den Reisen zusammenhängen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Situation. Das Karrnerwesen nahm ab diesem Zeitpunkt rasch ab, die Gemeinschaft zerfiel zusehends. Die wenigen und nach dem Weltkrieg zurückgekehrten "Karrner" lebten ohne Beziehung untereinander. Zugleich vollzog sich eine Eingliederung in die Dorfgemeinschaft, wodurch die besondere Kultur verloren ging. Restformen gibt es noch.
Querverbindungen zwischen den Vinschgauern "Karrnern" und den "Dörchern" und "Laningern" im benachbarten Oberinntal gib es noch. Auch die "Kessler" in Graubünden/Schweiz hatten Ähnlichkeiten mit den Vinschgauern "Karrnern".
Das Karrnerwesen im Vinschgau war eng mit Armut verbunden. Die "Karrner" hätten vermutlich ihre Wanderschaft aufgegeben, wenn es andere Existenszmöglichkeiten gegeben hätte. In den "Schilderungen aus dem Ortlergebiet" aus dem Jahre 1895 wird die herrschende Not beschrieben, wonach irdische Güter sich der Vinschgauer aus der guten alten Zeit keine gerettet hat, er trotz allem Fleiß und aller Genügsamkeit arm geblieben ist (vgl. CHRISTOMANOS 1895). Den wichtigsten Erwerbszweig bildetet der Wanderhandel. Einen Warenhandel gab es seit den Handelsbeziehungen zwischen den Dörfern, Städten, Ländern und Völkern.
Neben den großen Kaufleuten hatten die Warenhändler eine besondere Funktion. Sie belieferten die entlegensten Gebiete mit den nötigen Waren. In ganz Tirol verlor der Warenhandel erst mit dem Bau von Eisenbahnlinien an Bedeutung. Im Vinschgau wurde die Eisenbahnlinie 1906 fertiggestellt.
Von Interesse ist der Umstand, dass die ärmsten Täler auch am meisten Wanderhändler aufwiesen. Folgt man der Statistik von 1811/12, so gab es im Oberinntal 1 600, im Gebiet von Reutte 2 200, im Zillertal 1 000, im Val Tesiono und Val di Sole 3 000 Wanderhändler und Wanderarbeiter (vgl. EGG 1984).
Die Gründe für die Armut waren im Vinschgau und im Oberinntal ähnlich. Als Ursachen werden Bevölkerungswachstum, Arbeitskräfteüberschuss, geringe Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten im eigenen Land, Bodenknappheit aufgrund naturräumlicher Gegebenheiten, niedrige Produktivität der Landwirtschaft bei hoher Arbeitsintensität und soziale Integrationsschanken für nichtbäuerliche Personen angeführt (vgl. LOOSE 1976).
Hinzu kommt die Real-Erbteilung, die ohne Zweifel ein Faktor ist, der die Armut begünstigt. Hier wird der Besitz unter allen Kindern aufgeteilt. Das bedeutet Besitzaufsplitterung, die es Familien unmöglich macht, sich von Grund und Boden zu ernähren. Am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat dieser Umstand in Westtirol vielfach seinen Höhepunkt erreicht.
Das Auflassen von Bergwerken war ebenso ein wesentlicher Grund für Verarmung. Im Dorf Stilfs - im Vinschgau als "Karrnerdorf" schlechthin bekannt - wurde 1804 die Bergwerkstätigkeit eingestellt, wodurch sich die Menschen nicht mehr ausreichend ernähren konnten.
Es gibt kein einheitlich überliefertes Bild der "Karrner". Wir haben auf der einen Seite den von Armut gekennzeichneten Menschen, dem gegenüber Mitleid und Bedauern gezeigt wird. Auf der anderen Seite gibt es das Bild des "Karrners" als Landstreicher, Hühnerdieb und Raufbold. Eine Trennlinie zwischen dem Vinschgauer Kleinbauern, der auf Reisen geht (Wanderhändler) und dem typisierten "Karrner" ist nicht immer klar zu ziehen. Das Karrnerwesen war eine breite, die unterste Sozialschichten des Vinschgaues erfassende Bewegung. "Karrner" beispielsweise in einigen Obervinschgauer Dörfern - hier gab es "Karrner" bis zu 30 Prozent der Bevölkerung - waren ein prägender Faktor des Vinschgaues (vgl. LOOSE 1976).

1.8 Jenische in der Schweiz
War in der Schweiz früher die sesshafte Bevölkerung auf die Fahrenden angewiesen - geschätzt waren in den stadtfernen Gebieten diese als Handwerker, Musikanten und Artisten - so fühlte man sich doch durch die andere Lebensweise der Jenischen bedroht. Dies führte zu massiven Verfolgungen.
1850 bürgerte die Schweiz die Jenischen ein. Ihr Lebensraum wurde durch politische Maßnahmen und bürokratische Behinderungen eingeschränkt. Das traditionelle Wandergewerbe wurde fast unmöglich gemacht, letztlich wurden unter massivem staatlichem Druck viele Jenische sesshaft.
Die Kampagne gegen Fahrende hatte einen Höhepunkt 1926. In den Zwanzigerjahren wurde mit der systematischen Erfassung aller jenischen Sippen begonnen. Die Aktion lief unter dem Namen "Hilfswerk Kinder der Landstraße". Kinder wurden, zum Teil noch als Säuglinge, in Heime oder an Pflegeplätze gebracht. Geschwister wurden in der Regel an verschiedenen Plätzen verteilt. Sorgfältig wurde darauf geachtet, dass sie untereinander keinen Kontakt hatten. Der Aufenthaltsort der Kinder und Heranwachsenden wechselte häufig, oft waren Ernährung, Unterkunft und medizinische Versorgung unzureichend. So früh wie möglich wurden sie zu schwerer Arbeit angehalten. Auf das geringste Vergehen standen harte Strafen. Es gab Fälle schwerer Misshandlungen und Vergewaltigungen. Nicht selten wurden Heranwachsende ohne Gerichtsurteile in Haftanstalten und psychiatrische Kliniken gesteckt. Erklärtes Ziel war es, das Selbstbewusstsein, die Kultur und Identität der Jenischen zu zerstören. Erst Anfang der 70ger Jahre wurde das Hilfswerk nach starker Kritik durch die Schweizer Presse geschlossen. Eine offizielle Distanzierung oder Wiedergutmachung durch Pro Juventute blieb aus (vgl. MEHR 1987).
Gegenwärtig gibt es Probleme mit einem Mangel an Wohn- und Lebensraum, Wiedergutmachungsbestrebungen und der Schulpflicht der Kinder (vgl. dazu die Pressemitteilung des Eidgenössischen Departements des Inneren zum "Hilfswerk für die Kinder der Landstraße", Bern 2000). Die Jenischen versuchen - während sie fahren - ihre Kinder vom Schulbesuch zu dispensieren. Das Schweizer Schulsystem ist allerdings auf eine sesshafte Lebensweise ausgerichtet. Oft werden jenische Kinder von Mitschülern als Außenseiter behandelt. Den meisten LehrernInnen wäre es lieber, wenn diese in speziellen Schulen unterrichtet würden.
Etwa 35 000 Jenische leben heute in der Schweiz. Von diesen sind ca. 5 000 Fahrende. Diese haben trotz sämtlicher Ansiedlungsversuche und Zwangsmaßnahmen das Leben ihrer Vorfahren nicht aufgegeben. Sie fahren mit ihren Wohnwagen vom Frühjahr bis in den Herbst mit ihrer Familie oder Sippe von Ort zu Ort und verdienen ihr Geld als Scherenschleifer, Korbflechter, Altwaren- und Antiquitätenhändler. Trotz veränderter Wirtschaftsverhältnisse lässt sich immer noch von diesen Tätigkeiten leben.
Das eigentliche Problem ist nicht der Arbeitsmarkt, sondern die Patent- und Visumspflicht. Für jede Art der Berufsausübung muss ein zeitlich beschränktes kantonales Patent erworben werden. Dazu muss in manchen Kantonen zu Beginn jedes Arbeitstages in jeder Gemeinde ein Visum eingeholt werden.
Seit 1991 möchten die Jenischen als nationale Minderheit mit eigener Kultur und Lebensweise anerkannt und unterstützt werden. Die "Radgenossenschaft der Landstraße" , die 1973 gegründet wurde, versteht sich als Interessensgemeinschaft der Fahrenden. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, für Niederlassungs- und Gewerbefreiheit einzutreten. Sie beschäftigt sich auch mit Schulpflichtfragen und kämpft für weitere Stand- und Durchgangsplätze. Außerdem wird Rechts- und Sozialhilfeberatung angeboten und die Zeitung "Scharotl - Die Zeitung des fahrenden Volkes" herausgegeben. Einen wichtigen Bestandteil bilden die Öffentlichkeitsarbeit, die Vorurteilen gegenüber Jenischen entgegenwirken soll.
Die Stiftung "Naschet J(j)enische" ("Steht auf, Jenische") will die individuelle und kollektive Vergangenheitsbewältigung fördern. Für verfolgte Jenische verlangt die Stiftung Akteneinsicht und Wiedergutmachungsgelder, Beratung und Betreuung, Feststellung des Unrechts und eine Vermittlung zwischen Tätern und Opfern. Insbesondere ist sie bei der Zusammenführung der von "Pro Juventute" auseinandergerissenen Familien behilflich.

1.9 Jenische Sprache
Die jenische Sprache ist Kommunikationsmittel einer nicht sesshaften Bevölkerungsgruppe, die bis Anfang der 70ger Jahre in Tirol lebte. Sie selbst nennen sich Jenische, das sinngemäß übersetzt Eingeweihte heißt. Eingeweiht waren sie in eine selbstständige Sprache, die auch als Geheimsprache fungierte. Reste der Sprache sind noch vorhanden, wobei durch die Sesshaftwerdung diese fast verschwand. Der Gebrauch der Sprache hatte zumeist Diskriminierung zur Folge. Damit droht ein Tiroler Kulturgut in Vergessenheit zu geraten. Zu bedenken ist, dass Jenisch in verschiedensten Ausprägungen im deutschsprachigen Raum vorzufinden ist. 1714 ist erstmals Jenisch in schriftlichen Unterlagen nachzuweisen (vgl. SCHLEICH 1998, 5).
Es ist nicht leicht, an jenisches Spachmaterial zu kommen. Jenische Sprachkultur ist nicht Schreibkultur, weshalb es kaum Aufzeichnungen von Jenischen selbst gibt. Es ist Romed MUNGENAST, der in seiner Kindheit noch Kontakte zu Fahrenden hatte und als Heranwachsender zahlreiche jenische Wörter notierte, zu verdanken, dass Kulturgut - im Kontakt zu verschiedensten Gruppen im In- und Ausland - gesammelt wurde. Hermann ARNOLD (1958) und Hans HAID (1983) veröffentlichten ebenfalls Glossare.
Beispielhaft sind im Folgenden einige jenische Wörter angeführt (vgl. HAID 1983, 16-23; SCHLEICH 2001, 36):
Buggl > Arbeit
buggln > arbeiten
Putz > Polizist
Radlinger > Wohnwagen, Wagen, Auto, Karren
Randi > Bauch, Körper
Ranggerle > Kind

1.10 Literaturhinweise
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Bote für Tirol und Vorarlberg: Die "Dörcher" - 25. November 1851
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Internethinweis
http://volksgruppen.orf.at/radio1476/stories/53445/ > Im Gedenken an Romedius Mungenast

1.11 Theaterstücke
Karl Schönherr(1867-1943): Kurzdrama "Karrnerleut - Drama eines Kindes"
Sieglinde Glatz-Schauer(1948): Theaterstück "Fremd in der eigenen Heimat"
Felix Mitterer(1948): Theaterstück "Karrnerleut' 83"("Null Bock") - Telfs: Tiroler Volksschauspiele 1983


Dr. Günther Dichatschek ist Lehrbeauftragter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien(Berufspädagogik/Vorberufliche Bildung), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol, Mitglied der Bildungskommission der Generalsynode der Evangelischen Kirche A. und H.B. und Gründungsteilnehmer der Lehrerinnenplattform für Politische Bildung des bm:bwk .

Mag. Herbert Jenewein ist Absolvent des Instituts für Volkskunde der Universität Innsbruck, Autor von "Sagen und Mythen im Wilden Kaiser" und freier Mitarbeiter im Evangelischen Bildungswerk in Tirol.

© die jeweiligen Autoren