Arthur Schopenhauer

Die Ethik des Mitleids 

 

Kein anderer Philosoph der Aufklärung hat sich so eingehend mit dem Wesen des Christentums beschäftigt wie Arthur Schopenhauer, dessen Todestag sich heuer zum 150. Mal jährt. Das kam vor allem in seinen Abhandlungen über den Begriff der Ethik zur Geltung, deren maßgebliche Antriebskraft er im Mitleid sah. Während Immanuel Kant die Pflicht zum obersten Prinzip sittlichen Handelns machte, galt für Schopenhauer die mitfühlende Anteilnahme am Schicksal des Notleidenden und das sich daraus ergebende Verhalten zu ihm als Erweis wahren Menschentums. Zugleich war er der erste Denker, der ethisches Verhalten nicht allein auf den Menschen bezog, sondern auf alles lebendige Sein und ihm damit eine neue Dimension verlieh. Dieser Gedanke wurde in der nachfolgenden Zeit in abgewandelter Form auch von Albert Schweitzer aufgegriffen, der mit seiner Parole „Ehrfurcht vor dem Leben“ den Menschen zur Verantwortlichkeit gegenüber der Schöpfung aufrief.

Entscheidende Impulse für sein Denken erhielt Schopenhauer durch seine Beschäftigung mit den religiösen Vorstellungen des Fernen Ostens, vor allem dem Brahmanismus und dem Buddhismus, deren Auffassungen von Mensch und Welt bis dahin im Westen kaum bekannt waren. Was ihn besonders beeindruckte, war die Erkenntnis von der Wesensverwandtschaft aller Erscheinungsformen des Lebens, die in dem von ihm oft zitierten Wort zum Ausdruck kam: „Tat wam asi – du bist wie ich“. In diesem grundlegenden Gedanken sah er den Ursprung alles Mitleidens, denn nur wenn der Mensch in einer anderen Verkörperung des Daseins gleichsam sich selbst erblickt und dieses Bewusstsein der Identität alle trennenden Barrieren überwindet, wird sein Mitempfinden geweckt. Dennoch beruhte das in den indischen Religionen vorherrschende Gebot, kein Tier zu töten oder ihm Leid zuzufügen, nicht auf der Idee der Barmherzigkeit, wie sie das Christentum lehrte, sondern hatte seinen Ursprung in der Vorstellung der Wiedergeburt und der Beseeltheit der ganzen Welt, die von dem gleichen Lebensatem durchhaucht war. 

Trotz aller Hochschätzung Schopenhauers für die Weisheitslehren des fernen Orients blieb er in seinem Denken der abendländischen Welt verhaftet, und sah nach seiner eigenen Aussage im Christentum die höchste Entfaltung der Menschlichkeit. Die scharfe Kritik, die er daran übte, bedeutete nicht eine Abwendung von dieser Religion, sondern sollte eine Fehlentwicklung aufzeigen. Es erschien ihm unbegreiflich, dass sie das Gebot der Liebe ausschließlich auf den Menschen beschränkte. Er warf dem Christentum vor, dass es „auf widernatürliche Weise den Menschen von der Tierwelt losgerissen habe, der er doch wesentlich angehört und nur ihn ganz allein gelten lassen will, die Tiere geradezu als Sachen behandelnd.“

Seine Anklage richtete sich vor allem gegen den Missbrauch des Tieres und hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren: „ Der Wahn, dass unser Handeln gegen die Tiere ohne moralische Bedeutung sei und es keine Pflichten gegen sie gäbe, ist barbarisch. Die Welt ist kein Machwerk und die Tiere kein Fabrikat zu unserem Gebrauch. Es ist an der Zeit, dass das Ewige, welches, wie in uns, in allen Geschöpfen lebt, als solches erkannt, geschont und geachtet werde“.

Schopenhauer stand auch durchaus auf dem Boden des Christentums, wenn er der Auffassung war, dass die Welt im Argen liege und der Erlösung bedarf. Aus dieser Sicht verwies er auch auf das biblische Wort des Apostels Paulus vom „Seufzen der Kreatur“ und ihrem „ängstlichen Harren auf Erlösung“. Es ist die gesamte Schöpfung, die in der Hoffnung auf Befreiung von aller Knechtschaft lebt. Ergriffen von einem neuen Geist, wandelt sich auch das Verhältnis des Menschen zu den Geschöpfen. Daher erklärte Schopenhauer ganz im Sinne des Apostels: „Da sich die Tiere nicht selbst erlösen können, muss sie der Mensch mit erlösen. Seine Erlösung zieht die aller Kreaturen nach sich“.
 
Mit allen diesen Gedankengängen kam in der Philosophie Schopenhauers deutlich der christliche Grundzug zur Geltung. Er selbst war von der Überzeugung durchdrungen, er habe durch seine Lehre der christlichen Ethik zu ihrem eigentlichen Verständnis verholfen.
 
Lieselotte von Eltz

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