Niklaus Ludwig Graf von Zinzendorf

Ein Adliger im Dienst des Herrn

 

 
Viele evangelische Christinnen und Christen haben es bei sich zu Hause: ein kleines schmales Büchlein mit zwei Bibelversen und einem Liedvers oder einem Gebet für jeden Tag. Die so genannten Herrnhuter Losungen bilden seit 280 Jahren ein unsichtbares Band zwischen Menschen, die sich durch Gottes Wort in den Tag und durch das Jahr leiten lassen. Wer steht hinter dieser weltumspannenden Idee?
 
Herkunft
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf kam am 26. Mai 1700 in Dresden zur Welt. Sein Vater Georg Ludwig stammte aus österreichischem Adel. Die Familie wurde im 17. Jahrhundert aufgrund des evangelischen Glaubens von ihrem Stammsitz in Niederösterreich vertrieben. Weil der Vater kurz nach der Geburt verstarb und die Mutter bald darauf einen Feldmarschall heiratete, der viel herumzog, wuchs der kleine „Lutz“, wie er in der Familie genannt wurde, auf dem Gut Großhennersdorf in der Oberlausitz bei seiner Großmutter mütterlicherseits auf. Diese Henriette von Gersdorf war eine fromme Frau, die ihre Hausgemeinde täglich zu einer Morgen- und Abendandacht versammelte. Das prägte auch den Glauben von Ludwig. Er lernte dabei nicht nur viele Lieder kennen, sondern er nahm auch die Gewohnheit an, mit dem Heiland wie mit einem persönlichen Freund zu reden.
 
Ausbildung
Der religiösen Ausrichtung der Familie folgend wurde der junge Graf zur Ausbildung auf das Pädagogium nach Halle geschickt. Der Pietist August Hermann Francke hatte es nebst vielen anderen karitativen Einrichtungen als Bildungsstätte für junge Adlige gegründet. Allerdings nahm er mit dem jungen Zinzendorf erstmals einen Reichsgrafen auf, dem besondere Adelsprivilegien zustanden. Es war nicht immer leicht, diese Ansprüche mit den Grundsätzen einer christlichen Erziehung in Einklang zu bringen.
Ebendiese Adelsprivilegien ließen es auch nicht zu, dass Zinzendorf seinem Wunsch gemäß Theologie studieren und Pfarrer werden durfte. Diese Tätigkeit war Gelehrten mit bürgerlicher Herkunft vorbehalten. So widmete er sich eher widerwillig dem Studium der Jurisprudenz, was ihm später erlaubte für kurze Zeit ein Staatsamt am Dresdner Hof einzunehmen. Dennoch ließ er es sich nicht nehmen sich als Student an theologischen Diskussionen zu beteiligen. Das interessierte ihn wesentlich mehr als die für junge Adlige vorgesehenen Beschäftigungen wie Tanzen, Fechten, Spielen, Oper und Theater.
Eine Kavaliersreise führte Zinzendorf unter anderem nach Holland und Paris, um die juristischen Studien zu vervollständigen. Ein Kardinal in Paris versuchte ihn für den katholischen Glauben zu gewinnen, da er dann ein standesgemäßes Amt in der Kirchenhierarchie hätte einnehmen können. Das führte aber Zinzendorf umso mehr zur Beschäftigung mit Luthers Grundgedanken und er vertrat seine evangelischen Ansichten so überzeugend, dass der Kardinal alle seine Bekehrungsversuche aufgab.
 
Familiengründung
Auf dieser Reise lernte Zinzendorf einen anderen deutschen Grafen kennen, Heinrich XXIX. von Reuß. Auch er kam aus einer pietistisch geprägten Familie. Beide Grafen hatten ein Auge auf dieselbe junge Dame geworfen: Theodore von Castell, eine Cousine Zinzendorfs. In einer Art „Gottesurteil“ überließen die beiden Herren der Dame die Entscheidung, wen sie nun heiraten wolle. Das führte dazu, dass Zinzendorf die Schwester Heinrichs XXIX. von Reuß, Erdmuthe Dorothea von Reuß ehelichte. Sie teilte nicht nur seinen Glauben und die pietistische Frömmigkeit. Sie hatte sich auch ein großes Geschick in der Verwaltung und Bewirtschaftung von Gütern erworben, was Zinzendorf dazu veranlasste, ihr bald einmal diesen Arbeitsbereich zu übertragen und später alle seine Besitzungen zu überschreiben. Von den zwölf Kindern, die Erdmuthe gebar, erreichten nur vier das Erwachsenenalter.
Im Jahr der Heirat 1722 erwarb Zinzendorf ein vernachlässigtes Gut in Berthelsdorf in der Oberlausitz. Zeitgleich musste er einen aufwändigen Haushalt in Dresden führen, wo er als Justizrat tätig war. Kein Wunder, dass das Geld stets knapp war und ein Verwalter für das Gut in Berthelsdorf eingesetzt werden musste.
 
Glaubensflüchtlinge gründen Herrnhut
Eher nebenbei hatte Zinzendorf einer Anfrage von Glaubensflüchtlingen aus Mähren zugestimmt, ob sie sich in seinem Herrschaftsgebiet ansiedeln dürfen. Sie gehörten zur Brüderkirche, deren Wurzeln noch auf die Zeit vor der Reformation zurückgingen. Der Verwalter wies ihnen Grundstücke am Hutberg zu, wo sie Häuser errichten konnten. Als das Ehepaar Zinzendorf einmal von Dresden nach Berthelsdorf fuhr, waren sie überrascht, dass da Häuser standen, die sie noch nicht kannten. Die erste Begegnung des Grafen mit den Glaubensflüchtlingen war für beide Seiten beeindruckend.
Damit begann die Entstehung von Herrnhut, einer Wohn- und Glaubensgemeinschaft, die weitere Glaubensflüchtlinge und religiöse Sonderlinge anzog. Sie hatten ein teils recht unterschiedliches Verständnis darüber, wie ein christliches Leben zu führen sei. So schuf Zinzendorf 1727 eine Gemeindeordnung sowohl für weltliche als auch für geistliche Belange. Er organisierte Kleingruppen, sogenannte „Banden“ (von „Musikerbande“ abgeleitet), in denen sich die Bevölkerung von Herrnhut wöchentlich zu einer geistlichen Aussprache traf. Älteste und Ältestinnen wurden gewählt, womit Frauen gleichberechtigt an der Leitung und seelsorgerlichen Betreuung beteiligt waren.
Zur Stärkung der Gemeinschaft gab der Graf, der sich lieber als Bruder Ludwig ansprechen ließ, ab dem 3. Mai 1728 täglich eine Losung aus, ein Wort zum Tag als Ermutigung und Stärkung. Waren dies zunächst Zitate aus Liedstrophen, so wurden sie bald von Bibelversen abgelöst.
 
Hinaus in die Welt
Ungefähr zur selben Zeit machten sich die ersten Brüder aus Herrnhut auf den Weg, um das Evangelium in die Welt hinauszutragen. Damit sie fern von der Heimat ebenfalls mit den Losungen in den Tag gehen konnten, wurden die Bibelverse ab 1731 für ein ganzes Jahr im Voraus gezogen und in einem Büchlein zusammengestellt. So gelangten sie bis nach Grönland, Südafrika und auf die westindischen Inseln St. Thomas und St. Croix. Nach der Überzeugung von Zinzendorf wird die Hauptarbeit der Mission vom Herrn selbst geleistet. Er bereitet die Herzen der Menschen vor. Deshalb ging es den Herrnhuter Brüdern weniger um eine flächendeckende Missionierung als darum, in einer vorsichtigen Art Seelen für den Heiland zu gewinnen. So waren einige Brüder bereit, als Sklaven auf den Plantagen von St. Thomas zu arbeiten.
Während die Brüder in alle Welt ausschwärmten, brach auch für Zinzendorf eine unstete Zeit an. Der sächsische Kurfürst hatte ihn des Landes verwiesen, weil er das Verbot Glaubensflüchtlinge aufzunehmen nicht einhielt. Der Graf reiste nach Tübingen, um ein theologisches Gutachten zu erlangen. Er machte Besuche in der Schweiz und Holland. Vor einer Kommission in Stralsund legte er inkognito das theologische Examen ab. Denn nach wie vor gab es viel Misstrauen gegen die neu entstandene Gemeinschaft, ob sie nun eine Gruppierung innerhalb der lutherischen Kirche oder doch eine eigene Kirche sei. Zinzendorf zog ersteres vor, die aus Mähren zugezogenen Brüder wünschten sich letzteres. Zur Leitung des Werks ließ sich Zinzendorf durch einen Bischof der früheren Brüderkirche selbst zum Bischof weihen.
 
Die letzten Jahre
Mit den Jahren weiteten sich die Reisen aus. Zinzendorf besuchte die Mission in St. Thomas und unternahm eine Reise nach Amerika. Er gründete eine Niederlassung in Marienborn und eine Gemeinschaft in Herrnhag. Dabei begleiteten ihn immer eine ganze Anzahl von Brüdern und Schwestern. Von 1749 bis 1755 hielt er sich in London auf. Die Stellung auf dem Gut in Berthelsdorf hielt seine Frau Erdmuthe. Sie starb 1756, wobei sie noch 1752 um den einzigen Sohn Christian Renatus trauern musste. Zinzendorf heiratete nach einem Jahr Witwerschaft seine langjährige Mitarbeiterin Anna Nitschmann. Innerhalb weniger Wochen starben die beiden im Mai 1760.
 
Esther Handschin

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

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