Philipp Melanchthon

als Mitgestalter der Reformation

 

 
Das Bild bedeutender historischer Persönlichkeiten wird weitgehend bestimmt von den jeweils herrschenden Zeitströmungen. Anlässlich ihres Gedenkens werden vor allem jene ihrer Züge als kennzeichnend herausgehoben, die dem eigenen Denken entgegen kommen und für die Gegenwart von Belang erscheinen. Das gilt auch für Philipp Melanchthon, dessen 450. Todestag in diesem Jahr begangen wird. Wie kaum eine andere Figur aus dem Zeitalter der Glaubenskämpfe, die zur Entscheidung herausforderten, wird er infolge des von ihm eingenommenen Standpunktes unter dem Gesichtspunkt der Ökumene beleuchtet.
 
Philipp Melanchthon war der engste Mitarbeiter Luthers. So ist er auch auf dem berühmten Gemälde von Lukas Cranach, das den Kreis der Wittenberger Reformatoren unter dem Kreuz darstellt, an vorderer Stelle zu finden. Auf einem anderen Bildnis dieses Malers steht er bei der Taufe eines Kindes im Mittelpunkt. Seine hervorragenden Kenntnisse der antiken Sprachen hatten ihn zum unentbehrlichen Berater bei Luthers Hauptwerk, der deutschen Bibelübersetzung, gemacht. Als Melanchthon von einer schweren Krankheit befallen wurde, die seinen Tod befürchten ließ, richtete der Reformator inständige Gebete zu Gott, er möge ihm um der Sache des Evangeliums willen diesen Helfer nicht nehmen. Tatsächlich trat im Befinden Melanchthons eine Wende ein, und er blieb am Leben. Ob allerdings die in ihn gesetzten Erwartungen im Sinne Luthers Erfüllung fanden, ist eine andere Frage.

Trotz der engen Zusammenarbeit, die sie miteinander verband, waren die beiden von grundlegend unterschiedlicher Natur. In seiner Genialität erscheint Luther als eine überragende Gestalt, die in ihrer Einzigartigkeit von keinem anderen übertroffen wurde. In seinem Ringen um einen gnädigen Gott war er zu einem neuen Glaubensverständnis gelangt, das die beherrschende Mitte seines Denkens bildete und alle anderen Erwägungen in den Hintergrund rückte. Die Kraft seines Geistes im Verein mit dem kühnen Mut zur Tat ließ ihn zum Reformator werden. Ein derartiges Handeln und Auftreten in der Öffentlichkeit ist für die Gestalt Melanchthons unvorstellbar. Auch ein inneres Erlebnis, wie es Luther zuteil wurde, fehlte ihm. Beides war ihm wesensfremd.

Die Bedeutung Melanchthons für die Geschichte des Protestantismus liegt auf einem anderen Gebiet. Sie bestand in der Umsetzung des reformatorischen Gedankengutes in das praktische Leben. Als ein systematischer Denker von scharfem Verstand vor allem dem Formalen verhaftet, hatte er maßgeblichen Anteil am Aufbau der Kirche, an der Neuordnung des Gottesdienstes, der Gestaltung des Unterrichts und der Entwicklung des protestantischen Bildungswesens. Nicht zufällig kam er aus dem Lager der Humanisten.
Philipp Melanchthon wurde am 16. Februar 1497 als Sohn des Rüstmeisters und Waffenschmiedes Georg Schwarzerd in Bretten geboren. Wie viele der Humanisten glich er seinen Namen den antiken Sprachen an und nannte sich Melanchthon. Unter dieser Bezeichnung wurde er berühmt. Nach dem frühen Tod des Vaters besuchte er die Lateinschule in Pforzheim, und bereits mit zwölf Jahren bezog er die Universität Heidelberg. Melanchthon war so etwas wie ein Wunderkind. Schon nach wenigen Jahren wurde er Magister und verfasste mehrere griechische Lehrbücher. Sogar Erasmus von Rotterdam war auf ihn aufmerksam geworden und sagte ihm eine steile Karriere voraus. Mit einundzwanzig Jahren wurde er auf Empfehlung seines Großonkels Johannes Reuchlin als Professor für Griechisch an die Universität Wittenberg berufen.

Seiner äußeren Erscheinung nach war Melanchthon von unansehnlicher Gestalt. Luther nannte ihn „ein unscheinbares Männlein“. Dem entsprechend war auch die Wirkung bei seiner Antrittsvorlesung. Doch dieser Eindruck täuschte. Melanchthon erwies sich als ein hervorragender Gelehrter und schon nach kurzem gewann er die Herzen der Studenten, die ihm in Scharen zuströmten. Es waren mehr als 600 Hörer, die er um sich versammelte. Unter dem Einfluss Luthers hatte er sich bald der Reformation zugewandt. Mit begeisterten Worten pries Melanchthon ihn als den „auserwählten Diener der unzerstörbaren Wahrheit“, als den „ersehnten von Gott erleuchteten Gesandten“, als den „Verkünder des göttlichen Wortes“.

Dann aber trat eine merkliche Ernüchterung ein und führte zu einer Abkühlung in seinem Verhältnis zu dem Reformator. Sie wurde ausgelöst durch die Unruhen, die in Wittenberg während der Abwesenheit Luthers, der sich auf der Wartburg befand, zum Ausbruch kamen. Da Melanchthon bereits eine führende Stellung einnahm, hatte man von ihm erwartet, dass er in dieser Stunde der Gefahr, in der das Schicksal der Reformation auf dem Spiel stand, eingreifen und die Ordnung wieder herstellen werde. Es zeigte sich jedoch, dass Melanchthon diesen Anforderungen nicht gewachsen war. Er hatte versagt. Diese Tatsache ließ sich nicht bestreiten. Luther trug ihm nichts nach. Es spricht vielmehr für seine Großmut, dass er ihm trotz gelegentlicher Schwankungen bis zu seinem Lebensende freundschaftlich verbunden blieb.

Auf Melanchthon hatten jedoch die Geschehnisse, die sein Gemüt überschatteten, bleibende Rückwirkung. Von da an zog er sich immer mehr auf sich selbst zurück. Der Enthusiasmus der Anfangszeit war einem gebührenden Respekt vor dem Reformator gewichen. Das kam noch beim Tode Luthers zum Ausdruck. In seiner Gedächtnisrede rühmte er zwar die Größe und Bedeutung des Reformators, doch wirkten seine Worte erstaunlich distanziert.

Das besagt jedoch nicht, dass sich Melanchthon von den Grundgedanken der Reformation abgewendet hätte. Im Gegenteil stand er in Fragen des Glaubens bedingungslos hinter Luther. Das beweist auch sein umfassendes Werk „Loci Communes“, vergleichbar der „Institutio“ Calvins, an der er sein Leben lang arbeitete. Damit war die erste protestantische Dogmatik entstanden. Trotz des ungemeinen Fleißes, den er auf den verschiedensten Gebieten entwickelte, war ihm eine gewisse Dürre eigen, die ihn von der lebensvollen Gestalt Luthers unterschied.

Den Höhepunkt im Leben Melanchthons bildete der Reichstag zu Augsburg im Jahr 153O, als er im Auftrag der protestantischen Fürsten die „Confessio Augustana“ entwarf, das Glaubensbekenntnis der Protestanten, das dem Kaiser überreicht wurde. Es ist die „Magna Charta“ des Luthertums. Die Abfassung dieser Schrift war ein Meisterwerk geschliffener Formulierungen. Luther, der von der Coburg aus den Gang der Ereignisse verfolgte, war aber keineswegs restlos mit diesen Darlegungen einverstanden. Er könne, wie er sagte, „so leise nicht treten“. Sie enthielten jedoch vom „sola fide“ bis zum Verständnis des Abendmahles alle entscheidenden Grundgedanken der lutherischen Lehre. Es ist allerdings richtig, dass Melanchthon in manchen Einzelheiten Zugeständnisse an die Gegenseite machte.
Schon vorher hatte er an den Religionsgesprächen in Hanau, Worms und Regensburg teilgenommen, mit denen man eine Annäherung zwischen Protestanten und Katholiken zu erreichen suchte. Immer noch hoffte Melanchthon, es könne eine Spaltung der Kirche vermieden werden. Luther sah darin klarer. Er hatte den Bruch mit der römischen Kirche längst vollzogen. Dennoch erscheint es im Blick auf die Ausführungen Melanchthons nicht gerechtfertigt, ihn als einen Vorläufer der Ökumene oder gar als deren Bannerträger zu interpretieren. Der katholische Reformationshistoriker Joseph Lortz hat recht, wenn er behauptete: „Das Wesen des Neuen lag nicht im dogmatischen Abweichen in Einzelfragen. Es lag in einer grundsätzlich neuen Art des Glaubens“. Trotz heftiger Angriffe aus den eigenen Reihen sah man Melanchthon eindeutig als Vertreter des Protestantismus. Dafür sprach auch, dass er bald darauf einen Traktat verfasste, der sich mit scharfen Worten gegen den Primatsanspruch des Papstes wandte.

Unbestritten blieb hingegen seine außerordentliche Leistung auf dem Gebiet der Universitätsreform, die bis in das 19. Jahrhundert in Geltung blieb. Nicht nur die Hohe Schule von Wittenberg, sondern auch die Universitäten von Tübingen, Frankfurt a.d.Oder, Leipzig, Rostock, Heidelberg, Marburg, Königsberg und Jena verdankten ihm eine grundlegende Neuordnung des Studienbetriebes. Unter anderem war es auch die klare Trennung der einzelnen Fakultäten, die auf ihn zurückging. Dazu kam die Einbeziehung der Naturwissenschaften, denen er Rechnung trug. Mit ihnen hatte er sich auch, anders als Luther selbst, selbst beschäftigt und ihre Bedeutung für die Zukunft erkannt. Zu Recht trug ihm sein Wirken den Ehrennamen „Praeceptor Germaniae“ ein.

In den nachfolgenden Jahren war jedoch Melanchthon immer größeren Belastungen ausgesetzt, die ihn überforderten. Das erwies sich nicht allein beim Ausbruch des Schmalkaldischen Krieges, bei dem die Politik eine ausschlaggebende Rolle spielte, sondern nicht minder bei den Auseinandersetzungen mit den protestantischen Theologen und ihren heftigen Streitigkeiten. Calvin war es, der ihn am schärfsten wegen seines Mangels an Mut und seiner offensichtlichen Schwäche tadelte. Noch einmal setzte man alle Hoffnung auf Melanchthon und erwartete von ihm, er werde mit kraftvoller Hand die Führung der protestantischen Sache übernehmen. Doch auch diesmal hatte er versagt und damit die Anhänger der Reformation enttäuscht. Er verharrte in untätigem Schweigen, das unvermeidlich schwerwiegende Folgen nach sich zog.

Was ihm besonders zusetzte und zunehmend verbitterte, waren die Meinungsstreitigkeiten im eigenen Lager, die jede christliche Gesinnung vermissen ließen. Als er sein Ende herannahen fühlte, pries er sich glücklich, endlich von der „rabies theologorum – der Wut der Theologen“ befreit zu werden. Und doch war dies nicht sein letztes Wort. Was er kurz von seinem Tod, der ihn am 19. April 156O in Wittenberg ereilte, in der Rückbesinnung auf sein Leben niederschrieb, war ein Zeugnis seiner Frömmigkeit: „Du kommst zum Licht, du wirst die Herrlichkeit Gottes und seines Sohnes schauen, du wirst die wunderbaren Geheimnisse erkennen, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest: warum wir so geschaffen sind und nicht anders“. Als man ihn auf dem Totenbett fragte, ob er noch einen Wunsch habe, antwortete er: „Nichts als den Himmel…“ und wandte sich ab. Nicht nur sein Wirken, sondern auch seine tiefe Gläubigkeit sollten im Urteil der Nachwelt über Melanchthon den gebührenden Platz einnehmen.

Lieselotte von Eltz-Hoffmann

Link: http://www.ekd.de/melanchthon2010/

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