Friedrich von Bodelschwingh

zum 100. Todesjahr (1910-2010)

 

 

 Bethel - die Stadt der Barmherzigkeit
 
Glaube und Kirche haben heute für viele keinen Stellenwert mehr. Was jedoch immer noch zählt, ist soziales Handeln als Ausdruck wahren Menschentums. Selbst in einer säkularisierten Welt gilt es als Ausweis für den Stand einer Kultur. Es kann jedoch nicht in Abrede gestellt werden, dass Hilfeleistung für Not leidende Mitmenschen ihren Ursprung in der Religion hat. Im Christentum fand dieser Gedanke seine höchste Erfüllung. Wie kein anderer hat Jesus in einzigartiger Weise die Hinwendung zu den Kranken, Elenden und Ausgestoßenen vorgelebt. Dazu kam die berühmte Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“, die dem Christentum den kraftvollen Antrieb gab, diesem Beispiel nachzueifern. Mit dieser Erzählung aus dem Alltagsleben seiner Zeit hatte Jesus auf die Frage geantwortet, wer denn der Nächste sei: der nämlich, ungeachtet seines Standes, seiner Volkszugehörigkeit, seines Rang oder Namens der Hilfe bedarf.
 
Erstmals hatte im 4. Jahrhundert n. Chr. Basilius der Große als einer der namhaftesten Vertreter des neuen Glaubens in Kleinasien in der Stadt Cäsarea Philippi eine Einrichtung geschaffen, in der Arme und Kranke, Sieche und Elende, Heimatlose und Fremde Aufnahme und Betreuung fanden. Mit dieser Unternehmung hatte er ein Werk ins Leben gerufen, das in der ganzen Antike als etwas völlig Neuartiges allgemeines Aufsehen erweckte. Seither zieht sich wie eine leuchtende Spur durch das Dunkel der Welt das Wirken all derer, die in der Nachfolge Jesu Taten und Werke der Nächstenliebe vollbrachten. Im Wandel der Zeiten waren es jedoch jeweils unterschiedliche Erscheinungsformen des Elends, die  das christliche Gewissen zum Handeln herausforderten.
 
Zu den Bahnbrechenden Gestalten in der jüngeren Geschichte der christlichen Barmherzigkeit gehört Friedrich von Bodelschwingh, dessen Todestag am 2. April 1910 sich heuer zum hundertsten Mal jährt. Sein Wirken steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den geistigen Strömungen und gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit. Sie bilden den Hintergrund seines Auftretens. Mit dem Einsetzen der  Industrialisierung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts war die soziale Frage immer stärker in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Es waren zunächst eine Reihe namhafter Persönlichkeiten aus den Reihen der Kirche, die sich dazu aufgerufen fühlten, der zunehmenden Verelendung breiter Schichten der Bevölkerung entgegenzuwirken. Dazu kamen noch andere Missstände im Leben der Gesellschaft, die sich geltend machten und nicht einfach hingenommen werden konnten. Als eine Pioniertat ersten Ranges erscheint so die Errichtung jener Anstalt, der Bodelschwingh den biblischen Namen „Bethel“ gab, das inzwischen Weltruhm erlangte. Wie alle großen Taten der Nächstenliebe, war es aus der Wahrnehmung eines Elends erwachsen, an dem die Umwelt bis dahin mit Gleichgültigkeit vorüberging. Es war das kümmerliche Dasein all derer, die durch geistige und körperliche Behinderung gezeichnet, als Außenseiter und wertlose Glieder der menschlichen Gesellschaft galten.
 
Friedrich von Bodelschwingh wurde als sechster Sohn eines westfälischen Landedelmannes am 6. März 1831 in Teckenburg geboren. Da der Vater zugleich Finanzminister Wilhelms IV. von Preußen war, verbrachte er seine Jugend bei Hof in Berlin und war durch mehrere Jahre Spielgefährte des Kronprinzen. Er erlernte die Landwirtschaft und war zunächst in Pommern als Gutsverwalter tätig. Von einer Predigt im Innersten berührt, entschloss er sich zum Studium der Theologie, dem er sich in Basel, Erlangen und Berlin widmete. Nachhaltiger noch wurde sein Denken geprägt von Persönlichkeiten wie Johann Christoph Blumhardt, der im Sinn des Pietismus ein Tatchristentum vorlebte. Unter diesem Einfluss sah auch er seinen Beruf als eine Mission. So nahm er sich bereits in Paris, wo er in den Jahren 1858 – 1864 erstmals an der deutschen evangelischen Gemeinde als Pfarrer tätig war, vor allem jener an, die hier als Dienstmädchen, Lumpensammler und Straßenkehrer ein elendes Dasein fristeten.
 
Nach seiner Verheiratung in seine Heimat zurückgekehrt, versah er ein Pfarramt in Dellwig an der Ruhr, wo er jedoch innerhalb von zwei Wochen seine vier Kinder durch eine Keuchhustenepidemie verlor. Nach seinen eigenen Worten wurde dieses Leid, das ihm selber widerfahren war, in noch stärkerem Maß zum Anstoß, anderen in ihren Nöten beizustehen. Als bei Bielefeld eine Anstalt für Epileptiker gegründet wurde, folgte er einem Ruf dorthin. Die Lage dieser Menschen war erschütternd, denn niemand wollte mit ihnen etwas zu tun haben. Kein Betrieb war bereit, Fallsüchtige als Arbeiter einzustellen. Das Risiko eines Unfalls erschien zu groß. Selbst in den Schulen wurden Kinder, die von dieser Krankheit befallen waren, abgewiesen. Für sie gab es keine Hoffnung. In Bethel aber wurden sie aufgenommen. Dort erteilte man ihnen Unterricht und betraute sie mit verschiedenen Arbeiten, wobei sich herausstellte, dass diese Menschen durchaus imstande waren, beachtliche Leistungen zu vollbringen. Doch dabei blieb es nicht.
 
Noch schlimmer war das Ergehen derjenigen, die infolge ihrer Behinderung wehrlos dem Gespött und oft auch der Misshandlung ausgeliefert waren. Mitunter wurden sie infolge des Unverstandes der Menschen sogar zur Belustigung der Umwelt wie exotische Tiere zur Schau gestellt. In Bethel fanden sie jedoch erstmals eine Heimstatt, und Bodelschwingh wurde nicht müde, sich dieser Ärmsten in väterlicher Liebe voll Einfühlung anzunehmen. So entstanden immer mehr Pflegehäuser, Herbergen, Werkstätten, Arbeiterkolonien, Erziehungsstätten, Schulen, Altersheime und Krankenhäuser, so dass sich Bethel zu einer ganzen „Stadt der Barmherzigkeit“ entwickelte.

Das Entscheidende aber war der Geist, von dem dieses Unternehmen getragen wurde. Bodelschwingh hatte erstmals einen Weg gefunden, um den von der Welt Verachteten zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen. Seine Methode bestand darin, den Kranken eine Beschäftigung zu geben, die in ihnen das Gefühl erweckte, dass ihr Leben nicht sinnlos war. Damit erwachte in ihnen zugleich ein neues Selbstwertgefühl, das sie aufrichtete. Darin lag das Geheimnis seines Erfolges. Zu den Grundsätzen Bodelschwinghs gehörte es auch, die Behinderten nicht von der Außenwelt abzusondern, sondern sie in die Gemeinschaft mit anderen einzubinden. Damit kam es vielfach zu einer gegenseitigen Bereicherung. An die Stelle der Trostlosigkeit war so die Lebensfreude getreten. Selbst jene, die nicht imstande waren, etwas Sinnvolles zu leisten und sich als nützlich zu erweisen, empfanden im Innersten die liebevolle Zuwendung, die ihnen zuteil wurde. Für ihre Pflege hatte er vor allem die Diakonissen gewonnen, von denen sie mit Hingabe in geschwisterlicher Verbundenheit betreut wurden.

Leben ist etwas Heiliges. Das war die Botschaft, die Bodelschwingh der Welt verkündete. Bethel hatte schließlich solches Ansehen gewonnen, dass es selbst zur Zeit des Nationalsozialismus dem Zugriff entging.

Die soziale Tätigkeit Bodelschwinghs blieb jedoch nicht allein auf Bethel beschränkt. Ob es sich um eine Verbesserung der Lebensumstände der Arbeiterschaft, um die Gründung von Obdachlosenheimen, um die Hilfeleistung für streunende Bettler oder sonst um ein Elend handelte, war er bestrebt, die Nöte zu lindern. Dieses unermüdliche Eingreifen hatte umso mehr Gewicht, als sich der Staat noch lange nicht dieser Aufgabe bewusst war. Im Jahr 1909 ließ sich Bodelschwingh in den preußischen Landtag wählen, um auf diese Weise verstärkt die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit auf die notwendigen Veränderungen in der Gesellschaft zu lenken. Er vertrat jedoch eine durchaus konservative Linie und trachtete keineswegs nach einem Umsturz des herrschenden Staatssystems. Dazu mag auch seine Verbindung mit dem Königshaus beigetragen haben. Er selbst sah seine soziale Tätigkeit stets unter einem eschatologischen Gesichtspunkt, gleichsam als eine Vorbereitung auf das Kommen des Reichs Gottes.

Die bleibende Bedeutung seines Werkes liegt vor allem darin, dass er den Menschen den Blick öffnete für das Elend des Nächsten und damit Weg weisend wurde für zukünftige Entwicklungen. Der Protestantismus und die Kirche haben ihm hinsichtlich ihrer sozialen und diakonischen Aufgabe durch die kraftvollen Impulse, die er ihnen gab, vieles zu danken, mehr aber noch die Tausenden von Menschen, deren Schicksal er mit tätiger Anteilnahme begleitete. Sein Leitwort lautete in Anlehnung an das Wort des Apostels Paulus im 2. Korintherbrief, das auch in unserer Zeit nichts von seiner Gültigkeit verloren hat: Uns ist Barmherzigkeit widerfahren, so sollen auch wir nicht müde werden, Barmherzigkeit zu üben.

Lieselotte von Eltz-Hoffmann

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

Rennweg 13
6020 Innsbruck
Tel: 0512-588824
salzburg-tirol@evang.at
www.sichtbar-evangelisch.at

Bürozeiten
Montag bis Freitag:
8.30 bis 12.30 Uhr