Dietrich Bonhoeffer




Dietrich Bonhoeffer gehört zu den markanten Gestalten des 20. Jahrhunderts. Das Kennzeichnende seiner Persönlichkeit lag darin, dass er sich wie wenige andere den Herausforderungen seiner Zeit stellte. Als einziger protestantischer Geistlicher von Format leistete er aktiven Widerstand gegen das Regime Hitlers und bezahlte diesen Einsatz mit seinem Leben. Richtungweisend für die Zukunft war vor allem seine Auseinandersetzung mit dem Stellenwert der Religion in einer mündig gewordenen Welt. Beides machte seinen Namen einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Denken und Tun standen in engem Zusammenhang und wurden bestimmend für seinen Lebensweg.
Bonhoeffer, der am 4. Februar 1906 in Breslau geboren wurde, entstammte einer wohlhabenden, traditionsreichen Familie und wuchs in großbürgerlichen  Verhältnissen heran. Er erhielt eine strenge Erziehung, die zu verantwortungsbewusstem Handeln leitete, doch bestand zur offiziellen Kirche nur eine lockere Beziehung. Umso überraschender war sein Entschluss, Theologie zu studieren. Der Grund für diese Entscheidung lag, wie er selbst bekannte, vor allem in dem ehrgeizigen Bestreben, eine selbstständige, außergewöhnliche Leistung zu vollbringen. Mit hervorragenden Gaben des Geistes ausgestattet, schlug er nach dem Abschluss seines Studiums eine akademische Laufbahn ein und wirkte als Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Universität Berlin. Bald wurde er jedoch hineingerissen in die Stürme der Zeit.
Als Hitler in Deutschland an die Macht kam, musste sich die Kirche für oder gegen die Ideologie des Nationalsozialismus entscheiden. Auslösendes Moment war der Kampf gegen das Judentum, dessen Verfolgung immer schärfere Formen annahm und zu Ausschreitungen führte. Dieses menschenverachtende Vorgehen war für Bonhoeffer unvereinbar mit dem Wesen und Geist des Christentums. Er schloss sich daher der inzwischen unter dem Einfluss Karl Barths entstandenen „Bekennenden Kirche“ an. Ihm genügte es jedoch nicht, inneren Widerstand zu leisten und gleichsam nur tatenloser Zuschauer zu bleiben. Er war vielmehr zu der Überzeugung gelangt, man müsse „dem Rad in die Speichen fallen“. Durch sein mutiges Auftreten und die beharrliche Verkündigung des Evangeliums war man auf ihn aufmerksam geworden, und als Gegner des herrschenden Regimes verlor er seine Lehrbefugnis.
Das Angebot von wohlmeinenden Freunden, seine theologische Lehrtätigkeit nach Amerika zu verlegen, scheiterte jedoch an Bonhoeffers Überzeugung, dass er sich   seine Lebensaufgabe, die mit dem Weg der Kirche in Deutschland verbunden war, nicht entziehen könne. Die einzelnen Wegstationen seines Wirkens, die sich nach seiner Rückkehr in die Heimat abzeichneten,  sind heute nur mehr von zeitgeschichtlichem Belang. Zu einer entscheidenden Wende seiner Unternehmungen kam es jedoch, als er sich einer Gruppe von Verschwörern anschloss, die danach trachtete, Hitler zu Fall zu bringen. Seine Teilnahme an diesen Umsturzplänen, die aufgedeckt wurden, führte 1943 zu seiner Verhaftung und Gefangennahme. Kurz vor dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ erfolgte am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenburg seine Hinrichtung.
Während seiner Gefangenschaft hatte sich Bonhoeffers Bild von Mensch und Welt gewandelt und zu einem vertieften Verständnis von Religion und Glaube geführt. Die Briefe und Aufzeichnungen aus jener Zeit, die später in dem Buch „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht wurden, sind ein bewegendes Zeugnis für die Erfahrung einer höheren Macht, die jenseits aller Vernunft liegt. Bis heute haben die Texte nichts von ihrer Eindringlichkeit und Strahlkraft verloren. Das beweisen nicht zuletzt jene wundervollen Verse, die sich mit seinem Namen verbinden und seither tausenden von Menschen in der Dunkelheit und den Bedrängnissen ihres Lebens zu Begleitern wurden: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“.
Nicht minder bedeutungsvoll war jedoch Dietrich Bonhoeffers theologischer Neuansatz. Was an seinen Darlegungen, die allerdings nicht zu einem Ganzen vollendet werden konnten, vor allem besticht, ist die Redlichkeit seines Denkens. Mit klarem Blick hatte er die realen Gegebenheiten der modernen Zeit erkannt. Er zeigte auf, dass die Säkularisierung der Welt und ihr Fortschreiten nicht rückgängig gemacht werden könnten. Von einem rein verstandesmäßigen Denken beherrscht, lässt sie Gott keinen Spielraum mehr und verweist ihn bestenfalls in Bereiche, deren Erforschung noch aussteht.
Unter diesem Blickpunkt stellte Bonhoeffer die viel zitierte These auf, dass wir „einer völlig religionslosen Zeit entgegengehen“. Damit stellte sich für ihn zugleich die Frage, was dieser Umstand für das Christentum zu bedeuten habe. Seine Antwort lautete, dass die Bibel „weltlich interpretiert“ werden müsse, das heißt, dass sie auf diese Welt bezogen werden müsse. Damit führte er die Bibel auf ihre ursprüngliche, ihre eigentliche Aussage zurück. Gott ist keine jenseitige Größe, sondern in allem Sein gegenwärtig. Christus selbst war Mensch geworden, damit er den Menschen zu  wahrem Menschentum leite. In dieser Erkenntnis liegt das zukunftsweisende Vermächtnis Dietrich Bonhoeffers.
Lieselotte von Eltz-Hoffmann

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

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