Johannes Calvin

 
 
Der Retter des Protestantismus
 
Das Gedenken an Johannes Calvin, das in diesem Jahr anlässlich seines 500. Geburtstages in der ganzen protestantischen Welt begangen wird, bedeutet mehr als nur die Erinnerung an eine der wirkungsmächtigsten Gestalten der europäischen Geistesgeschichte, denn sein Gedankengut bestimmt noch heute weit über religiöse Belange hinaus das Denken der westlichen Welt.
 
Obwohl Luther und Calvin in ihrer Bezugnahme auf die Bibel als der alleinigen Grundlage des Glaubens weitgehend übereinstimmten, waren es doch unterschiedliche Gesichtspunkte, die sie zu ihrem reformatorischen Wirken veranlassten. Während für den Wittenberger Mönch die Erkenntnis, dass der Mensch nicht durch seine Werke, sondern allein durch den Glauben selig werde und der Gnade Gottes bedürfe, zur richtungweisenden Antriebskraft für sein Werk wurde, war es für Calvin der entscheidende Gedanke, die Ehre Gottes zum obersten Prinzip eines christlichen Lebens zu machen. Er wollte eine Gemeinde schaffen, in der das Reich Gottes sichtbar wird. Die Absolutheit seine Forderung führte jedoch zu manchen Vorbehalten gegenüber seiner Gestalt. Und doch war es Calvin, der im Kampf um das Evangelium zum Retter des Protestantismus wurde, denn erst die geistige und politische Stoßkraft, die von seinem Wort und Werk ausging, gaben ihm eine weltweiter Geltung. Nicht von ungefähr sah die römische Kirche in Calvin einen gefährlicheren Gegner als in Luther.
 
Das Bild Calvins wurde jedoch vielfach entstellt und verzerrt. Auf diese Weise erhielt es eine so nachhaltig wirkende Profilierung, dass es auch der modernen Forschung nicht gelang, ihre Richtigstellungen im Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu verankern. Im Jahr 1509 in Noyon, einer kleinen Stadt in der Picardie geboren, blieb Calvin, ausgezeichnet mit ungewöhnlicher Schärfe seines Verstandes, in seinem Denken von französischem Geist geprägt. Er studierte an der Universität Paris an einem mit spartanischer Strenge geführten College, das auch Ignatius von Loyola besuchte. Ursprünglich für eine geistliche Laufbahn vorgesehen, wandte er sich auf Wunsch des Vaters dem Studium der Rechtswissenschaft zu. Zu den weit verbreiteten Irrtümern über seinen Werdegang gehört auch die Meinung, er habe sich erst nach langen Überlegungen der Reformation angeschlossen. Nach seinem eigenen Zeugnis wurde ihm jedoch unerwartet eine „plötzliche Erleuchtung“ zuteil.
 
 Johannes Calvin
 
Damals hatte in Frankreich bereits eine heftige Verfolgung des Protestantismus eingesetzt, der ein Teil der geistigen Elite dieses Landes, darunter viele Freunde Calvins, zum Opfer fielen. Calvin erlebte eine Schreckenszeit, die ihn stets von neuem zur Flucht nötigte. Bereits in jener Zeit verfasste er sein Hauptwerk, die „Institutio“, deren Absicht es war, die Stimme des Protestantismus nicht verstummen zu lassen. Mit sicherer Hand hatte er darin die bei den Reformatoren vorgefundenen Gedanken als Steine zu einem imposanten Bauwerk zusammengefügt. Zugleich legte er damit den Grund für die Entstehung der reformierten Kirche.
Auf seiner Reise nach Straßburg musste er wegen der Kriegswirren einen Umweg über Genf nehmen. Sein Landsmann Farel aber wollte ihn festhalten, weil er der Überzeugung war, dass durch ihn die Sache des Evangeliums in dieser Stadt einen neuen Aufschwung erfahren würde. Calvin lehnte jedoch ab und erklärte, er sei mit seinen Studien beschäftigt. Da schleuderte er ihm die beschwörenden Worte entgegen, Gott möge seine Studien verfluchen, wenn er sich weigere, diesem Ruf zu folgen. Diese Drohung erschütterte Calvin zutiefst. Später bekannte er, „es war als ob Gott seine gewaltige Hand auf mich gelegt hätte“.
 
Von der Genfer Bürgerschaft wurde jedoch Calvin keineswegs mit offenen Armen empfangen. Vielmehr kam es zu turbulenten Szenen und schließlich zu seiner Ausweisung durch den Rat der Stadt. Bald holte man ihn jedoch wieder zurück. Von da an wurde Calvin zur tonangebenden Gestalt in Genf. Drei Dinge waren es, die er zu Stützpunkten seines Gemeindeaufbaues machte: Die Abfassung eines Glaubensbekenntnisses, die Ausarbeitung eines Katechismus und die Errichtung einer Kirchenordnung. Nach der Durchführung dieses Planes wurde Genf zu einem der kraftvollsten Ausstrahlungspunkte des Protestantismus im Zeitalter der Gegenreformation.
 
Die Leistung, die Calvin vollbracht hatte, wurde von niemandem mehr bestritten. Was man ihm allerdings zum Vorwurf machte und als ein Makel an ihm haften blieb, war die von ihm gebilligte Hinrichtung des Miguel Servet, wenn auch die römische Kirche damals Tausende von Menschen dem Scheiterhaufen überlieferte. Die hasserfüllte Calvinbiografie seines Gegners Bolsec aber hatte überdauernden Einfluss auf das historische Urteil über den Reformator. Fast ganz übersehen wurde zumeist die gemüthafte Seite im Wesen Calvins. Sie bekundete sich nicht nur in der innigen Verbundenheit mit seiner Ehefrau Idelette von Buren,  deren frühen Tod er im Grunde nie überwand, sondern auch in seinen empfindungsvollen Schreiben an eine Reihe von Persönlichkeiten wie Renate von Este und Margarete von Navarra, in denen er sich als ein Meister der Seelsorge erwies.
 
Die überragende Bedeutung Calvins liegt darin, dass er zu einem Wegbereiter der modernen Zeit wurde und die Entwicklung der westlichen Welt, einschließlich Nordamerikas bis zur Gegenwart maßgeblich beeinflusste. Dazu trug auch seine positive Einschätzung der materiellen Güter bei. Er sah in ihnen Zeichen der göttlichen Erwählung, die jedoch zugleich zu sittlicher Verantwortung gegenüber der Welt und sozialem Handeln gegenüber dem Nächsten verpflichteten. Der Grundgedanke aber, der sein Leben und Werk bestimmte, blieb die Überzeugung, dass in allem allein Gott die Ehre gebühre.
 
Lieselotte von Eltz
 
 

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

Rennweg 13
6020 Innsbruck
Tel: 0512-588824
salzburg-tirol@evang.at
www.sichtbar-evangelisch.at

Bürozeiten
Montag bis Freitag:
8.30 bis 12.30 Uhr