Charles Darwin

und sein Verhältnis zur Religion

Der Name des Begründers der Entwicklungstheorie Charles Darwin steht heute erneut im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern einer Religion, die sich auf göttliche Offenbarung gründet, und den Vertretern der modernen Naturwissenschaft, die nur Beweise gelten lassen. Selbst in einer längst säkularisierten Welt ist das  Ringen zwischen Glaube und Wissen nicht erloschen und erhitzt immer noch die Gemüter. Jahrhunderte lang galt das Weltbild der Bibel als unumstößliche Wahrheit und bestimmte das Denken der Menschheit. Erst mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften zu Beginn der Neuzeit wurde diese Gewissheit ins Wanken gebracht. Die erste Erschütterung erfolgte durch die Entdeckung, dass die Erde nicht den Mittelpunkt der Welt bildet, sondern nur ein Staubkorn im All ist und sich um die Sonne dreht. Das Erschrecken über diese Feststellung  war so tiefgehend, dass die Kirche mit der Verfolgung  all derer antwortete, die diese Lehre vertraten.  Aber  der Widerspruch zwischen  den Aussagen der Bibel und den Erkenntnissen des menschlichen Verstandes konnte damit nicht beseitigt werden .

Der nächste empfindliche Schlag, der die Glaubenslehre der Kirche traf, war die von der Wissenschaft  vorgebrachte Meinung, dass Gott die Welt nicht in sechs Tagen geschaffen habe und der Mensch in seiner gegenwärtigen Gestalt nicht unmittelbar aus der Hand Gottes hervorgegangen sei, sondern sich im Verlauf von  hunderttausenden von Jahren  aus dem Tierreich entwickelt habe.

Der  bekannteste Vertreter dieser Ansicht war Charles Darwin. „Der Mensch stammt vom Affen ab! “ So lautete  die niederschmetternde  Feststellung, die Schlagzeilen machte,  wenn auch diese Behauptung  von Darwin niemals in solcher aufgestellt wurde. Seine These löste jedoch einen Sturm der Entrüstung  aus, weil  damit der Mensch als die Krone der Schöpfung  gleichsam von seinem Thron gestoßen wurde und die biblische Darstellung vom Schöpfungswerk Gottes  in Frage gestellt war.  Alle Bemühungen, die seither unternommen wurden, die einander widersprechenden Erkenntnisse der Wissenschaft  mit den Aussagen der Bibel in  Einklang zu bringen oder ihnen zumindest eine  andere Deutung zu geben, waren jedoch zum Scheitern verurteilt.  Die Ursache dafür liegt  darin, dass  Religion und Wissenschaft  ihrem Wesen nach unterschiedlichen Kategorie angehören und eine jeweils andere Dimensionen  im Blickfeld  haben. Das hatte bereits Johann Kepler erkannt  und mit dem lapidaren Hinweis zum Ausdruck gebracht : „Die Bibel ist kein Lehrbuch der Naturgeschichte“. Zur Zeit  der Aufklärung bekräftigte Immanuel Kant diesen grundlegenden Unterschied, indem er alle Gottesbeweise für nichtig erklärte, denn Gott kann nicht  mit dem Mittel des menschlichen Verstandes erfasst werden. Sein  Vorhandensein ist hingegen eine existenzielle Erfahrung des Transzendenten.

Charles Darwin, dessen  200. Geburtstag in diesem Jahr  gefeiert wird,  war ungeachtet der Streitigkeiten, die  seine Lehre  schon bei den Zeitgenossen hervorrief, ein genialer Denker, der eine  Idee aufgriff, die er durch seine naturwissenschaftlichen Forschungen zu untermauern suchte und  damit  das bisherige Weltbild  von Grund auf veränderte. Wenn er in seinen Einsichten auch manche Vorläufer hatte, zu denen unter anderen Goethe, Schelling und Leibniz  zählten, die bereits von der Ahnung einer fortschreitenden Entwicklung der Schöpfung erfüllt waren, und auch die moderne Biologie inzwischen zu neuen Ansichten gelangt ist, gilt  Darwin doch als der Vater der  Abstammungslehre. In  seiner persönlichen Entwicklung aber spiegelt sich die nachhaltige Auswirkung, die von seinen  Erkenntnissen auf das religiöse Denken seiner Zeit ausging.

Charles Darwin wurde am 14. Februar 1809 in Shrewsbury als Sohn eines bekannten Arztes geboren. Seine Lernerfolge in den Schulen, die er besuchte, ließen zu wünschen übrig. Was ihn hingegen schon in seiner Jugend  fesselte, war das Sammeln von Käfern, Schmetterlingen  und anderen Kleintieren, das er   nicht ohne schlechtes Gewissen, sie getötet zu haben – mit Leidenschaft betrieb. Auch bei seinem Studium der Medizin  zeigte er nur wenig Eifer. Als sein Vater erkannte, dass aus seinem Sohn nie ein tüchtiger Mediziner werden würde, schlug er ihm vor, „wenigstens“ Theologie zu  studieren. Darwin beugte sich dem Willen des Vaters und  schloss dieses Studium, dem er sich in Cambridge widmete, erstaunlicherweise als einer der besten Kandidaten mit einem vorzüglich bestandenen  Examen ab. Es spricht jedoch für die Redlichkeit seiner Gesinnung, dass er sich vorerst Bedenkzeit  erbat, ob er die Lehrsätze der Kirche aus voller Überzeugung auf der Kanzel vertreten könne. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch keinerlei Zweifel  an den Aussagen der Bibel. Zur Ausübung eines geistlichen Amtes kam es allerdings nie.

Darwin hatte sich schon bald durch seine naturwissenschaftlichen Studien einen Namen gemacht und erhielt daher das Angebot, sich an einer Forschungsexpedition zu beteiligen, die von der englischen Admiralität  ausgerüstet  wurde.  Die Reise mit dem Segelschiff  „Beagle“,  die ihn dann fünf Jahre lang von Europa fernhielt, wurde für Darwin zu einem einzigartigen Erlebnis und war ausschlaggebend für seinen weiteren Lebensweg. Sie machte ihn mit weiten Teilen Südamerikas bekannt sowie dem Feuerland und der Inselwelt der Galapagos. Zu den Ergebnissen dieser Reise  gehörte unter anderem auch seine Ablehnung der Sklaverei, die er später gemeinsam mit seinem Landsmann Wilberforce heftig bekämpfte. Entscheidender  waren jedoch seine Einsichten, die er über die Beschaffenheit der Natur gewann. Darwin erwies sich als ein genauer Bebachter der Tierwelt, vor allem der Vögel, deren Studium zur Grundlage wurde für die Entwicklung seiner Evolutionstheorie. Unter dem Eindruck seiner Forschungsergebnisse hatte er allerdings auch einen Wandel seiner Glaubenseinstellung erfahren.

Nach seiner Heimkehr fasste er seine Entdeckungen in einem Epochemachenden Werk zusammen, das heute der Weltliteratur angehört: „Von der Entstehung der Arten“. Die wichtigste  These, die er darin vertrat, war der Gedanke der Selektion, der natürlichen Zuchtauswahl, die seiner Meinung nach zur Entstehung der verschiedenen Tierarten  führte. Gestützt wurde seine Theorie durch die Forschungsergebnisse der Geologie und die Auffindung von Jahrmillionen alter Fossilien. Darwin war zu der Erkenntnis gekommen, dass die verschiedenen Tiergattungen nicht unabhängig voneinander entstanden waren, sondern zwischen ihnen ein ursächlicher Zusammenhang bestand. Das auslösende Moment für ihre Veränderung  sah er in der Mutation und der Anpassung an die Gegebenheiten der Umwelt, wobei der Kampf um das Überleben eine wichtige, wenn auch nicht die einzige Rolle spielte. Nur das Stärkere, stellte er fest, behauptet  sich, während das Schwächere untergeht.

Bei oberflächlicher  Betrachtung ließ sich der Schluss ziehen, Darwin habe mit seinemWerk lediglich den Beweis erbracht, dass  sich der Schöpfungsvorgang über einen weitaus längere Zeitraum erstreckte als es die Bibel darstellte, und der Natur immerhin eine Planung zugrunde liegt, die auf eine Höherentwicklung der Arten abzielt. Dieser Schein aber trügt und ist eine Täuschung. Darwin hatte nämlich festgestellt, dass der Artenwandel letztlich durch Zufall erfolgt. Vor allem darin aber lag das Bestürzende seiner Darlegungen. Die heutigen Gegner der Evolutionstheorie, die mit Beharrlichkeit an der Erschaffung jeder einzelnen Tierart festhalten, die sie auf  eine schöpferische  Kraft  zurückführen, gaben diesem Vorgang die Bezeichnung „Kreativismus“.

Nach seiner Rückkehr hatte sich Darwin, inzwischen berühmt geworden, mit Emma Wegdwood, einer  Dame der englischen Gesellschaft, verheiratet, mit der er bis  zu seinem Lebensende eine überaus glückliche Ehe führte. Mit ihr hatte er sich auf dem Landsitz Down in der Grafschaft Kent niedergelassen. Emma war ihm mit großer Liebe zugetan und unterstützte ihn bei seinen  wissenschaftlichen Arbeiten. Was ihr jedoch Kummer bereitete, war sein Verhältnis zur Religion. In einem einfühlsamen Schreiben, das von ihrer tiefen Frömmigkeit, aber auch ihrem geistigen Format  Zeugnis ablegt, richtete sie an ihn die Frage, ob er mit seinen Forschungen nicht  doch nur einen Teil der Wahrheit aufgedeckt habe. Diesen Brief  bewahrte Darwin als eine Kostbarkeit auf  und schieb darauf: „Wenn ich einmal  nicht mehr am Leben  sein werde, sollst du  wissen, dass ich Deine Worte manchmal küsste und darüber weinte“.

Dennoch war Darwin von der Richtigkeit seiner  Erkenntnisse überzeugt. Wenige Jahre später trat er mit einem weiteren Buch an die Öffentlichkeit, das gleichsam  die logische  Folge seiner bisherigen Forschungen über die Entstehung der  Arten darstellte: „ Die Abstammung des Menschen“. Darwin war stets ein genauer  Beobachter  seiner eigenen inneren  Entwicklung. Im Bezug auf  seine Einstellung zur Religion gelangte er im Rückblick zu der Ansicht, dass  ihm im Verlauf seiner  Forschungen die Wahrnehmungsfähigkeit  für eine andere Welt, wie er sie ursprünglich besessen hatte, abhanden gekommen war. Er bezeichnete sich daher in dieser Hinsicht gerne als „farbenblind“. Immer wieder hatte er sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob es eine hervorbringende  Macht gebe, von der die Evolution  geplant war oder ob sie  nur das Ergebnis einer natürlichen Auslese bildete. Er schloss zwar  das Wirken einer göttlichen Urkraft nicht grundsätzlich aus, aber sie war  für ihn  nicht erkennbar. Das führte ihn schließlich zu dem Bekenntnis: „Das Geheimnis des Ursprungs aller Dinge ist für uns unlösbar. Ich für meinen Teil muss mich damit abfinden, ein Agnostiker zu  sein“.  

Die Nachfolger Darwins sahen in ihm zu Unrecht  einen Atheisten, der er nicht  war. Dennoch  ist es unstatthaft,  ihn für das Gegenteil in Anspruch zu nehmen. Es gereicht  ihm aber zur Ehre, die Wissenschaft vor jeder Überheblichkeit  gewarnt zu haben. Er ermahnte sie vielmehr, sich nicht allein des Fortschrittes und ihrer Errungenschaften  zu rühmen, sondern die Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind, gelten zu lassen  und der Unauslotbarkeit des letzten Urgrundes alles Seins eingedenk zu bleiben.

Lieselotte v.Eltz-Hoffmann

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

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