Elisabeth von Thüringen

Fürstin und Dienerin

Keine andere Heiligenfigur des Mittelalters hat sich in Deutschland dem Gedächtnis des Volkes so nachhaltig eingeprägt wie Elisabeth von Thüringen. Sie wurde zum Inbegriff tätiger Nächstenliebe und selbst acht Jahrhunderte nach ihrem Auftreten ist die Erinnerung an sie nicht verblasst. Eine Reihe poesievoller Legenden umranken ihre Gestalt. Dazu gehört vor allem das so genannte Rosenwunder, dessen Darstellung auch in der Kunst vielfachen Niederschlag fand. Es zeigt, wie die Landgräfin mit einem Korb voll Gaben für die Armen von der Wartburg niedersteigt und dabei dem Landgrafen begegnet, der ihr Handeln missbilligte. Als er jedoch das Tuch über dem Korb wegriss, erblickte er darin nichts anderes als einen Strauß blühender Rosen.

Die historische Gestalt der Elisabeth von Thüringen war jedoch in Wahrheit von einem ganz anderen Format. Sie bot nämlich keineswegs das Bild einer Frau, die sich demutsvoll in ihr Schicksal ergab, sondern erwies sich vielmehr als eine Revolutionärin, die mit erstaunlichem Mut und einem für jene Zeit ungewöhnlichen weiblichen Selbstbewusstsein die Schranken ihres Standes durchbrach, und für ein Christentum im Dienst der Not leidenden Mitmenschen eintrat.

Elisabeth wurde im Jahr 1207 als Tochter des ungarischen Königs Andreas II. auf der Burg Sarospatak bei Pressburg geboren. Bereits mit vier Jahren kam sie jedoch auf die Wartburg, weil sie im Zuge der damaligen Heiratspolitik schon als Kind dem Sohn des Landgrafen von Thüringen zugesprochen wurde. Als dieser unerwartet starb, sollte sie mit seinem jüngeren Bruder Ludwig verheiratet werden. Schon in jungen Jahren zeigte sich jedoch ihre Aufmüpfigkeit, als sie sich weigerte, von den Speisen zu essen , die auf den Tisch gebracht wurden, weil sie von der ungeheuren Verschwendung des Hofes zeugten, die in krassem Gegensatz stand zur Not der übrigen Bevölkerung. Das trug ihr die Feindschaft des Adels ein. Dennoch kam es schließlich zur Hochzeit mit Ludwig, die prunkvoll begangen wurde. Elisabeth machte jedoch auch als Landgräfin kein Hehl aus ihrer Gesinnung und suchte nach Kräften, das Elend der Armen zu lindern. Als im Land eine Hungersnot ausbrach, ließ sie die Getreidespeicher öffnen, um für das Volk Brot zu schaffen. Damit rief sie erneut die Empörung des Hofes hervor. Entgegen der legendären Überlieferung hielt jedoch der Landgraf seine schützende Hand über sie und ließ sie gewähren.

Dann aber nahm Ludwig an einem Kreuzzug ins Heilige Land teil. Doch noch ehe das Heer sein Ziel erreicht hatte, war er einer Seuche erlegen. Damit traf Elisabeth ein harter Schicksalsschlag, der zugleich ihre Stellung grundlegend veränderte. Als ihr Schwager Heinrich Raspe die Regentschaft übernahm, forderte er von ihr bedingungslos Anpassung an die Sitten des Hofes und untersagte ihr jegliche Wohltaten für die Armen. Damit wollte sich jedoch Elisabeth nicht abfinden und widersetzte sich seinen Anordnungen. In bewegenden Worten erzählt die Legende, wie sie deshalb der Landgraf bei Nacht und Nebel von der Wartburg verjagte. In Wahrheit hatte jedoch Elisabeth selbst den Entschluss gefasst, zu fliehen und verließ heimlich die Burg. Sie wählte den Weg in die Armut und entschied damit über ihr künftiges Schicksal. Es ist jedoch ein Irrtum anzunehmen, dass Volk hätte sie eingedenk ihrer vielfach erwiesenen Wohltaten mit Freude und Dankbarkeit empfangen. Die Landgräfin, die von der Wartburg niedergestiegen war, um den Armen und Notleidenden beizustehen, hatte man verehrt und bewundert. Für die mittellose Witwe, die selbst zur Bettlerin geworden war, zeigte man hingegen nur Verachtung. Ein Bauer, bei dem sie um Unterkunft bat, wies ihr als Schlafstätte den Schweinestall an.

Elisabeth aber sah es als ihre Bestimmung, den Menschen ein Beispiel christlicher Lebensführung zu bieten. Sie beschloss, allem Reichtum zu entsagen und - wie Franz von Assisi - bettelnd durch das Land zu ziehen. Das aber wollten ihre Standesgenossen nicht dulden. Daher wurde Heinrich Raspe gezwungen, ihr das zurückgehaltene Heiratsgut herauszugeben. Damit bot sich für Elisabeth die Gelegenheit, ein Werk zu vollbringen, in dem sie zugleich die Erfüllung ihres Lebens fand.

Sie ging nach Marburg, gründete dort ein Hospital und widmete sich voll Hingabe eigenhändig der Pflege der Armen und Kranken. Dieser persönliche Einsatz machte ungemeines Aufsehen, denn bis dahin beschränkte sich die Wohltätigkeit an den Armen nur auf die Erteilung von Almosen. Ihr aufopfernder Dienst an den Bedürftigen und Notleidenden, die sie liebevoll betreute, aufrichtete und ihnen Trost zusprach, begründete ihren Ruhm. Die Frömmigkeit aber, die sie dabei bekundete, mutet geradezu modern an. Als man ihr einige Heiligenbilder schenkte, um sich daran zu erbauen, antwortete sie: „Die habe ich nicht nötig, ich trage sie ja im Herzen und handle in ihrem Sinn". Doch ihre Kräfte hatten sich bald erschöpft und sie starb schon im Alter von vierundzwanzig Jahren. Dennoch hinterließ ihr Wirken im Dienst der Nächstenliebe einen bleibenden Eindruck. So wurde sie zum Vorbild nachfolgender Generationen, dem viele nacheiferten. Das Auftreten der Elisabeth von Thüringen hatte damit zukunftsweisende Bedeutung.

Das Gedenken an Elisabeth von Thüringen bedeutet daher mehr als nur die Erinnerung an eine Gestalt, die man durch Jahrhunderte als Heilige verehrte. Ihr „Mut zur Barmherzigkeit", den sie gegen alle Widerstände ihrer Zeit bezeugte, und die Kraft, mit der sie ihre Ziele durchsetzte, rufen noch heute Bewunderung hervor. Dieses Wort, mit dem ihre Bedeutung herausgestellt und umrissen wurde, hat daher auch anlässlich des Gedenkens an ihren achthundertsten Geburtstag den diesjährigen Kirchentag in Erfurt zum Leitmotiv erwählt. Trotz allem Wandel der Zeit ist ihr Wirken auch heute von höchster Aktualität. Die Kluft zwischen arm und reich, zwischen dem Elend von Millionen Menschen und dem Luxus einer verschwindenden Minderheit, der krasse Gegensatz zwischen dem Hunger, der in weiten Teilen der Erde herrscht, und dem Überfluss, an dem nur wenige Anteil haben, ist in unseren Tagen größer denn je. Was Elisabeth von Thüringen der Welt zu sagen hatte, ist von bleibender Gültigkeit, und das Beispiel ihrer Hinwendung zu den Notleidenden, das sie bot, ist ein Anruf zur Mitmenschlichkeit auch an unsere Zeit.

Lieselotte von Eltz-Hoffmann


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