Petrus Waldus

Seit dem 12. Jahrhundert hatte sich im ganzen mitteleuropäischen Raum eine religiöse Aufbruchsbewegung entfaltet, die auch im Gebiet des heutigen Österreich nachhaltige Spuren hinterließ. Sie ging auf einen Mann zurück, dessen Bedeutung für die Geschichte des Christentums meist unterschätzt wird: Petrus Waldus. Erstmals hatte er die Überzeugung vertreten, dass die Bibel die alleinigen Grundlage des christlichen Glaubens sei, und sich damit gegen die herrschende Lehrmeinung der Kirche gestellt. Schon der Mut und die Kühnheit, zur Zeit ihrer höchsten Machtentfaltung offen Protest zu erheben gegen ihre Bevormundung, verdient Bewunderung. Das Revolutionäre seines Auftretens veranlasste ihre Vertreter, ihn als Ketzer zu brandmarken. Da seine Gedanken eine Sprengkraft enthielten, die ihr gefährlich werden konnte, war man bestrebt, die Erinnerung an ihn auszulöschen. Daher ist auch seine Gestalt durch den Schleier der Jahrhunderte nur mehr in Umrissen erkennbar. Dennoch gelang es der modernen Forschung, die wichtigsten Wegstationen seines Lebens aufzudecken..

Petrus Waldus gehörte dem aufstrebenden Bürgertum an und war einer der reichsten Kaufleute der Stadt Lyon. Er besaß Güter und Häuser, Weinberge, Wiesen und Wälder. Eines Tages aber hatte jemand seine Aufmerksamkeit auf die Bibel gelenkt und er ließ sich die Evangelien in die Muttersprache übersetzen. Darin las er vom Reiche Gottes, das Jesus verkündigt hatte. Das führte ihn zu einer grundlegenden Veränderung seines Lebens. Er entledigte sich aller seiner Güter und wählte die Armut. Sein Entschluss war die Antwort auf die Forderung des Evangeliums. Er ging jedoch nicht in ein Kloster, denn er empfand es als seinen Auftrag, die Botschaft Jesu allen Menschen kundzutun. In diesem entscheidenden Punkt stimmen alle Quellen überein: „Waldus entsagte seinem Reichtum und ging auf die Straße, um das Evangelium zu predigen"

Bald gewann er eine erstaunlich Zahl von Anhängern, die sich um ihn scharten. Seine Persönlichkeit muss von starker Ausstrahlungskraft gewesen sein und als einer würdevollen Erscheinung brachten ihm viele große Verehrung entgegen. Andere freilich hielten ihn für einen Narren. Bei einer öffentlichen Kundgebung soll er jedoch den Sinn seines Handelns mit den Worten erklärt haben: „Mitbürger und Freunde! Ich habe absolut nicht den Verstand verloren, sondern was ich tue, mache ich gleichermaßen mir wie euch zuliebe, damit ihr lernt, euch auf Gott zu verlassen und nicht auf den Reichtum".

Da er mit all dem großes Aufsehen erweckte, wurde er vom Erzbischof Guichard zur Rede gestellt, der ihm als einem Laien das Predigen untersagte. Das aber wollte Waldus nicht gelten lassen. Als dann von Papst Alexander III. ein Laterankonzil einberufen wurde, entschloss er sich, mit einem Freund nach Rom zu reisen, um die Zustimmung für sein Auftreten als Prediger einzuholen. Noch glaubte er, die Kirche müsse sich darüber freuen, „da wird doch Christus predigen". Das tat sie jedoch keineswegs und sie wurden als unwissende Laien nur verspottet und abgewiesen.

Das hinderte jedoch Petrus Waldus nicht, durchdrungen von seiner Sendung, auch weiterhin öffentlich das Evangelium zu predigen. Auf diese Weise entstand eine Gemeinde, die ihm in dem Bewusstsein, eine ihr anvertraute christliche Mission zu erfüllen, nacheiferte. Darunter waren Männer und Frauen. Durand von Osca, ein Schüler des Petrus Waldus, der überzeugt war von der Auserwähltheit ihres Meisters, traf mit seiner Aussage das Wesen dieser Gemeinschaft und ihres Wirkens: „Unser Weg ist ein neuer, denn er stützt sich allein auf die Autorität des Neuen Testamentes. Unser Glaube und unser Lebensstil besitzen gerade im Evangelium ihre Bürgschaft". Um der Glaubhaftigkeit ihrer Predigt willen hatten sie aller irdischen Güter entsagt und lebten in Armut.

Waldus entsandte seine Gefolgsleute auch in die benachbarten Dörfer und richteten dort ihre Botschaft aus. Das rief immer mehr den Zorn der Kirche hervor und in einer Anklageschrift heißt es: „Sie eignen sich das Recht zum apostolischen Dienst an, beginnen, das Evangelium zu verkünden, dringen in die Häuser, ja sogar in die Kirchen und verführen die Menschen". Zunächst und am schnellsten verbreitete sich das Waldensertum in der Languedoc, griff aber bald auch auf Oberitalien über und erreichte schließlich Böhmen. Im Jahr 1184 wurden jedoch seine Anhänger als Ketzer verurteilt, denen man den Kampf auf Leben und Tod ansagte. Auch Petrus Waldus hatte aus Lyon flüchten müssen. Er lehnte einen festen Wohnsitz ab und befand sich ständig auf Wanderschaft. Seine letzten Jahre verlieren sich im Dunkel. Von einem gewaltsamen Tod, wie ihn viele seiner Anhänger erlitten, blieb er jedoch verschont. Entgegen der irrigen und oft wiederholten Meinung, er habe in Böhmen sein Ende gefunden, wird heute mit gutem Grund angenommen, dass er im Jahr 1206 auf französischem Boden starb.

Die reformatorische Bewegung aber hatte ein gewaltiges Ausmaß angenommen. Über Italien war sie auch nach Österreich eingedrungen und behauptete sich dort durch drei Jahrhunderte, obwohl die Zahl ihrer Märtyrer bei weitem die Opfer der frühen Christenverfolgung übersteigt. Das entscheidende Merkmal des Waldensertums war seine Berufung auf die Bibel. An vielen Orten, die als Stützpunkte dienten, hatte man Schulen und Ausbildungsstätten eingerichtet. Ein Zeugnis dafür ist noch heute das „Bummerlhaus" in Steyr, das eine Sehenswürdigkeit darstellt, die an das Wirken der Waldenser erinnert. Wenn später gefragt wurde, was Petrus Waldus zu seiner Mission getrieben und ermutigt hatte, lautete die Antwort: „Er hörte die Stimme des Evangeliums und folgte ihr". Das von Gott ergriffene und zugleich unbeugsame Wesen des einstigen Lyoner Bürgers und Vorläufers der Reformation könnte nicht treffender als mit diesem Hinweis zum Ausdruck gebracht werden.

Lieselotte v. Eltz-Hoffmann

 

 

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