Sören Kierkegaard

Sören Kierkegaard, dessen Todestag am 11. November 1855 sich 2005 zum hundertfünfzigsten Mal jährte, war der bedeutendste religiöse Denker, den der Protestantismus seit der Reformation hervorgebracht hat. Wie kein anderer hatte er im Zeitalter der Aufklärung und der beginnenden Abkehr von der Religion das Wesen des Christentums erfasst. Die weitreichende Wirkung, die von ihm ausging, wurde nicht nur wegweisend für die moderne Theologie, sonder führte auch die Philosophie zu neuen Erkenntnissen. Das Aufsehenerregende und Revolutionäre seiner Auffassung bestand in der Radikalität seiner Forderung an den Menschen. Er begriff das Wesen des Menschen als einen Schnittpunkt des Endlichen und Unendlichen, des zeitlichen und ewigen. Daraus erwuchs ihm die Aufgabe, in der zugleich seine Sinnerfüllung lag, das Ewige im Zeitlichen zu verwirklichen.
Zur ersten Herausforderung seines Denkens wurde ihm die spekulative Weltschau des Philosophen Wilhelm Friedrich Hegel, der in der Geschichte der Menschheit eine stufenweise Entwicklung sah, in der sich ein höherer „Weltgeist“ offenbarte.
Hegel hatte jedoch bei dieser Deutung die Menschheit als ganzes im Auge und maß dem Individuum keine konstituierende  Bedeutung zu. Dem hielt Kierkegaard entgegen, dass die Wirklichkeit des Lebens in der Existenz des Einzelnen und seinem Verhalten bestehe. Als eine existentielle Lebensform verstand er auch das Christentum. Die Kirche aber war im Verlauf ihrer Geschichte zu einer Institution geworden, die lediglich eine Lehreverkündete und die Aufforderung Jesu zu seiner Gefolgschaft überspielte. Damit hatte sie ihre lebendige Wirkkraft verloren. Deshalb erschien es ihm unerlässlich, das Christentum wieder auf seine Ursprünge zurückzuführen.
Das Denken Kierkegaards steht in engem Zusammenhang mit seinem persönlichen Schicksal und den eigenen Lebenserfahrungen. Ein grundlegender Zug seines Wesens war die Schwermut, die auch sein Welt- und Menschenbild prägte. Als jüngster Sohne eines wohlhabenden Fabrikanten am 5.Mai 1813 in Kopenhagen geboren, war er von seinem Vater in strenger Zucht erzogen worden. Von entscheidender Bedeutung für seinen inneren und äußeren Werdegang wurde auch Regine Olsen. Er hatte sich mit ihr verlobt, widersetzte sich dann aber aus Gründen, über denen bis heute ein Schleier des Geheimnisses liegt, einer Eheschließung. Diese Entscheidung, die ihm selbst tiefe Leiden verursachte, ließ ihn jedoch zum Dichter und Denker werden.
Ähnlich wie Nietzsche, legte er seine Gedanken in dichterischer Form nieder, wobei die Geschliffenheit seiner Sprache und die Treffsicherheit seiner Bilder von faszinierender Wirkung sind. Bereits in seinem ersten großen Werk mit dem kennzeichnenden Titel „Entweder-Oder“ stellte er zwei Lebensformen gegenüber und erklärte, dass sich der Mensch entscheiden müsse zwischen dem Streben nach Genuss oder einem Dasein, das von ethischen Grundsätzen geleitet wird. Zu den wichtigsten Erkenntnissen Kierkegaards gehört die Angst als eine Grundbefindlichkeit des Menschen. Sie besteht nicht in der Furcht vor etwas Gegenständlichem, sondern ist eine Empfindung, die in den Tiefenschichten der Seele wurzelt. Sie bleibt dem Bewusstsein stets gegenwärtig, auch wenn der Mensch sie durch Lustbarkeiten und Vergnügungen aller Art zu verdrängen sucht.
Kierkegaards „Begriff der Angst“ und die aus ihr erwachsende Verzweiflung als die „Krankheit zum Tode“ ließ ihn zum „Vater der Existenzphilosophie“ werden. Damit wurde er allerdings missverstanden, denn die nach ihm benannte „Existenzphilosophie“ bediente sich zwar seiner Einsichten und Erkenntnisse, beseitigte aber die metaphysische Grundlage, die für den dänischen Philosophen die Voraussetzung seines Denkens bildete. Kierkegaard aber sah allein im Glauben an den errettenden Gott die Erlösung aus aller inneren Not. Dieser Glaube war allerdings ein Wagnis und nötigte über den Verstand hinaus zu einem Sprung ins Unergründliche.
Zutiefst erfüllt von dieser Hoffnung auf Befreiung aus aller Verstrickung des menschlichen Daseins, schrieb er als sein bedeutendstes Werk die „Einübung im Christentum“. Da aber seiner Überzeugung nach das Christentum zu einer bloßen Farce geworden war und lediglich der frommen Erbauung diente, statt als lebendige kraft wirksam zu sein, kam es zum Bruch mit der Kirche, der er vorwarf, Christus verraten zu haben. In diesem letzten Kampf wurde Kierkegaard wahrhaft zu einer prophetischen Gestalt und empfand sich auch selbst als ein Beauftragter Gottes. Seine Parole lautete:“ Das Christentum ist Jesus Christus und sonst nichts!“ Äußerlich betrachtet, hatte Kierkegaard diesen Kampf verloren, denn die Kirche beharrte auf ihren Dogmen und Traditionen. Als historische Erscheinung konnte ihre fast zweitausendjährige Entwicklung nicht mit einem Satz übersprungen werden, doch Kierkegaards beharrlicher Aufruf, den Glauben im Leben zu verwirklichen, gilt auch unserer Zeit.

Lieselotte von Eltz-Hoffmann

 

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