Immanuel Kant

Immanuel Kant war der wirkungsmächtigste Denker der Neuzeit. Seine überragende Bedeutung gründet sich auf Erkenntnisse und Einsichten, die das Weltbild von Grund aus veränderten und richtungweisend wurden für ein neues Verständnis des menschlichen Daseins.

Die Gedankengänge von Immanuel Kant hatten die Sprengkraft einer Revolution, vergleichbar jener, die Kopernikus mit seiner Entdeckung von der Stellung der Erde im Planetensystem hervorgerufen hatte. Kant hatte die bisherigen Vorstellungen vom Wesen der Welt zum Einsturz gebracht und ein Gedankengebäude errichtet, das die Züge der Aufklärung trug.
Erstaunlicherweise vollzog sich die Leistung dieses Geistesheroen auf dem Boden eines eng begrenzten Umfeldes, denn bekanntlich hatte der berühmte Philosoph seine Heimatstadt niemals verlassen. Dennoch war seine Wirkung weltweit.
Immanuel Kant wurde als Sohn eines Handwerkers am 22. April 1724 in Königsberg geboren und wurde im Geist protestantischer Frömmigkeit erzogen. Die prägende Kraft des Elternhauses kommt noch im Sittlichkeitsverständnis und der Humanitätsauffassung des großen Sohnes zur Geltung. Vor allem der Mutter, einer Frau von edlem Herzen und aufrechter religiöser Gesinnung, bewahrte er ein liebevolles Andenken: "Sie pflanzte und nährte zuerst den Keim des Guten in mir, sie öffnete mein Herz den Eindrücken der Natur und ihre Lehren haben einen immerwährenden Einfluss auf mein Leben".
Der äußere Lebensweg Kants verlief linear und ohne einschneidende Ereignisse. Nach dem Besuch des Gymnasiums und der Universität betätigte er sich als Hauslehrer, wurde Privatdozent und erhielt schließlich eine Berufung als akademischer Lehrer an die Universität Königsberg. Von Anbeginn sublimierte sich so alle Kraft im Geistigen.

Was kann ich wissen?
Die Grundfrage, die sich Kant stellte und zum Ausgangspunkt seiner Philosophie wurde, lautete: "Was kann ich wissen?" Dabei gelangte er zu dem Ergebnis, dass der Mensch kraft seiner Sinne nur die äußere Erscheinung der Dinge wahrnehmen kann, nicht aber das "Ding an sich". Die Pioniertat seines Geistes bestand in der Aufdeckung und Abgrenzung der Grenzen, die dem menschlichen Erkenntnisvermögen gesetzt sind. In seiner berühmten Schrift "Kritik der reinen Vernunft" unterzog er auch den Verstand, der das Erkennen ermöglicht, einer kritischen Prüfung und legte dar, dass selbst Raum und Zeit nur Anschauungsformen, "Kategorien" unseres Denkens sind. Mit diesen Erkenntnissen hob er gleichsam die Welt aus den Angeln.
Der Mensch aber ist seinem Wesen nach darauf angelegt, über das Wahrnehmbare der Erscheinungen hinaus Ausschau zu halten nach dem Absoluten, dem Endgültigen, dem Ewigen.
Auch Kant stellte sich die Frage nach dem Unbedingten hinter dem Bedingten, nach dem letzten Urgrund alles Seins. Da sich dafür aber kein verstandesmäßiger Beweis erbringen ließ und das Göttliche nur im Glauben erfahren werden konnte, suchte er nach einem anderen Ansatzpunkt.

Der kategorische Imperativ - die Stimme des Gewissens
Der Mensch war nämlich nicht nur ein denkendes, sondern auch ein handelndes Wesen. Das führte ihn zur Entwicklung seiner Sittenlehre, die er in der Schrift "Kritik der praktischen Vernunft" niederlegte. Danach lag die Bestimmung des Menschen darin, als Bürger zweier Welten nach sittlichen Grundsätzen zu handeln und damit seiner Humanität gerecht zu werden. Diesen Gedanken fasste er in der viel zitierten Formel zusammen: "Handle so, dass die Maxime deines Willens als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung tauglich sei".
Dieser "kategorische Imperativ" aber war nichts anderes als die Stimme des Gewissens, die in jedem Menschen spricht. "Das Gewissen", sagt Kant, "ist der innere Richter, die über ihm wachende Gewalt, die er sich jedoch nicht selber schafft, sondern ihm von einer höheren Macht eingepflanzt ist. Dem Gewissen kann er nicht entfliehen. Er mag sich vielleicht nicht mehr daran kehren, aber seine Stimme zu hören, kann er doch nicht vermeiden".
Denken und Lebensführung standen bei Kant in völligem Übereinklang. Er lebte, was er lehrte. Der Eindruck, den seine Persönlichkeit bei seinen Zeitgenossen hinterließ, zeigt sich in den Worten Johann Gottfried Herders, der in jungen Jahren sein Schüler war: "Die gedankensreichste Rede floss von seinen Lippen, Scherz, Witz und Laune standen ihm zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang. An oberster Stelle aber stand ihm die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er ermunterte zum Selbstdenken und jeder Despotismus war seinem Gemüt fremd".

Der weltoffene Weise
Kant war durchaus kein trockener, langweiliger, stets auf Abstand und Würde bedachter Gelehrter, zu dem man ihn stilisierte, sondern ein geselliger, weltoffener Geist, der auch gerne einen Freundeskreis um sich versammelte. Wenn er auch unverheiratet blieb, war er doch kein Frauenfeind. Er genoss vielmehr die Gesellschaft von Damen, die ihn ihrerseits als humorvollen und witzigen Gesprächspartner schätzten. Auch hielt er etwas von einer guten Küche, weshalb er scherzhaft dazu aufgefordert wurde, doch eine "Kritik der Kochkunst" zu schreiben. Alle seine Unternehmungen vollzogen sich jedoch nach einem genauen Stundenplan, von dem er niemals abwich. Besonders empfindlich zeigte er sich auch gegen störende Geräusche, was zu mancher erheiternder Begebenheit führte. Als ihn das laute Krähen eines Hahnes aus der Nachbarschaft irritierte, wollte er das seinem Denken abträgliche Tier dem Besitzer abkaufen. Der aber fand es "unbegreiflich, wie ein Hahn einen Weisen stören konnte". Da Kant jedem Streit abhold war, wechselte er die Wohnung. Das trug ihm jedoch noch größeres Ungemach ein, denn sein neues Domizil lag neben dem Stadtgefängnis und die Gefangenen waren dazu angehalten, zu ihrer Besserung geistliche Lieder zu singen. Das aber erfolgte bei offenem Fenster. Kant meinte zwar, dass sie ihr Seelenheil nicht gefährden würden, wenn sie ihre Übungen zum Wohl der Nachbarschaft bei geschlossenem Fenster abhielten, doch hatte er auch dabei keinen Erfolg.
Inmitten dieses Alltagslebens aber wurde eine geistige Leistung vollbracht, die eine Wende in der Geschichte des Denkens bewirkte. Schelling brachte es in seinem Nachruf auf Kant zum Ausdruck: "Unentstellt von den Zügen, die ihm Anhänger wie Gegner andichteten, wird das Bild seines Geistes in seiner Einzigartigkeit durch die ganze Zukunft der philosophischen Welt strahlen". Er sollte recht behalten, denn Kant konnte in den zwei Jahrhunderten, die seit seinem Tod am 12. Februar 1804 vergangen sind, von keinem modernen Denker übergangen werden. Das schönste Vermächtnis aber, das er der Welt hinterließ, liegt in seinem Wort beschlossen:
"Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer Bewunderung und Ehrfurcht: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir".

Lieselotte von Eltz-Hoffmann

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

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