Johannes Tauler und sein Lied

„Es kommt ein Schiff, geladen bis an den höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ew ges Wort..."

Kein anderes deutsches Weihnachtslied hat die Botschaft von der Menschwerdung Christi als dem Gesandten Gottes auf eine so einzigartig Weise in ein Bild gesetzt. Seine Ankunft gleicht einem Schiff, das aus jenseitigen Sphären kommend, auf Erden Anker wirft. Wort und Weise sind zu einer Einheit verschmolzen und man meint, gleichsam das Rauschen des Wassers zu vernehmen, dessen Wellenschlag vom Einbruch der Ewigkeit in die Zeit kündet.

Der Schöpfer dieses Liedes, Johannes Tauler, war eine der bedeutendsten Gestalten der deutschen Mystik, die den Menschen von heute erneut in ihren Bann zieht. Sein Leben und Wirken verbindet sich mit Straßburg und seinem Münster. Dort ist auch noch sein Grabmal samt seinem Bildnis zu finden. Sechseinhalb Jahrhunderte sind seit seinem Tod im Jahre 1361 n. Chr. vergangen. Doch die Erinnerung an ihn als einen der großen Geister in der Geschichte des Christentums ist bis heute nicht verblasst. Schon die Zeitgenossen rühmten die Eindruckskraft seiner Rede und es hieß: „Gott wohnt in ihm wie ein süßes Saitenspiel" Die schimmernden Farben der Glasrosette des Straßburger Münsters, die den Abglanz jenseitiger Herrlichkeit vergegenwärtigen, haben in seinem Lied, in dem der Atem großer Dichtung schwingt, gleichsam eine Entsprechung erfahren.

Johannes Tauler fühlte sich schon früh zu einem geistlichen Leben hingezogen. Das gemessene Schreiten der Mönche inmitten des Alltagsgetriebes, das leise Knistern ihrer Gewänder, das sanfte Plätschern des Brunnens in der Stille des Klosterhofes erschienen ihm wie einen wie Hinweise auf eine andere Welt. Bereits in jungen Jahren trat er in den Orden der Dominikaner ein. Die gelehrten Mönche müssen etwas von dem Außergewöhnlichen seines Wesens erkannt haben und sandten ihn zum Studium nach Paris an die Sorbonne. Doch die Theologen der berühmten Universität ergingen sich nur in Definitionen leerer Begriffe. Sie sagten ihm nichts.

Weit tiefer berührte ihn die Begegnung mit Meister Eckart, dem er in Köln zu Füßen saß, und der mit solcher Eindringlichkeit davon sprach, dass ein göttlicher Funke im Inneren des Menschen lebendig sei. Um aber Gott wahrhaftig zu erfahren, müsse er in der Seele geboren werden. Ergriffen von dieser Erkenntnis war Tauler nach Straßburg zurückkehrt. In Scharen strömten die Menschen in das Münster, um ihn zu hören. Was er von der Kanzel verkündete, war etwas Anderes als man bisher vernommen hatte: Nicht durch fromme Werke sei das Seelenheil zu gewinnen, nicht auf Kerzen anzünden und Selbstkasteiung komme es an, sondern auf die rechte Gesinnung des Herzens und ein Leben in Demut vor dem allmächtigen Gott.

Die Kirche aber duldete keine Abweichung von ihrer Lehre. Als die Bewegung sich immer weiter ausbreitete und die Gemüter erfasste, verhängte sie das Interdikt über Straßburg. Kein Gottesdienst durfte mehr gehalten werden und selbst die Glocken schwiegen. Da verließen die Mönche diese Stätte ihres Wirkens.

Erst zehn Jahre später kehrte Tauler nach Straßburg zurück. Die Stadt aber bot einen erschreckenden Anblick. Die Pest war ausgebrochen und forderte täglich ungezählte Opfer. Kaum jemand wagte es, das Haus zu verlassen, und die Straßen waren wie ausgestorben. Nur die Leichenbestatter sammelten die Toten ein und warfen sie wie Kehricht und Abfall zusammen in eine Grube. Panische Angst erfüllte die Menschen, und der Aberglaube griff um sich. Wie von einem Wahn erfasst, traten die Geißler auf den Plan. Sie rissen auf offener Straße ihre Kleider vom Leib und schlugen sich mit Peitschenhieben. Schaurig hallte ihr Ruf durch die Gassen: „Tretet herzu, wer büßen will - so fliehen wir die heiße Höll!" Über all dem erhob sich noch immer das zum Himmel strebende Münster als ein Wunderwerk deutscher Gotik.

Damals entstand jenes Lied. Schon in seiner frühen Jugend war Tauler am Ufer des Rhein gesessen und hatte auf die Schiffe mit ihren Segeln, Masten und Tauen geblickt ‚auf die Frachter und Schlepper, die im Hafen ihre Güter abluden und rüsteten zu neuen Fahrt. Sie redeten von Ankunft und Aufbruch und wurden darin zu einem Sinnbild des Lebens. Aus fernen Kindertagen lag ihm noch die Weise eines alten Schifferliedes im Ohr: „Es kommt ein Schiff, geladen..." Am nächtlichen Sternenhimmel erglänzte die Sichel des Mondes. Sie erschien ihm wie ein goldener Kahn, der über das Dunkel des Firmamentes glitt. Es muss wie eine Vision gewesen sein , die ihn überkam und er wusste zugleich ihre Deutung: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn sandte, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben". Das Gedicht aber wurde ihm zum Gesang:

Das Schiff geht still im Triebe,
trägt eine teure Last.
Das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.
Der Anker haft auf Erden,
da ist das Schiff an Land.
Das Wort tut Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.
 
Johannes Taulers Stimme ist längst verstummt. Doch sein „Saitenspiel" klingt durch die Zeiten hin und findet noch heute tausendfachen Widerhall. Es kündet von der Ankunft des Gottessohnes als dem Heiland der Welt. Und immer wieder kommt das Schiff an Land...
 
Lieselotte von Eltz

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

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