Der Tag des Herrn

Sonntag für Sonntag...
 
 
...läuten die Glocken vom Turm jeder Kirche in Stadt und Land. In diesem Klang schwingt etwas Feierliches, das von Zeit und Ewigkeit kündet. Für die Menschen vergangener Tage war es der Ruf, sich zum Gottesdienst zu versammeln. Heute ist das sonntägliche Glockengeläut meist nur mehr eine Erinnerung an das einst christliche Abendland. Doch der Sonntag ist immer noch ein Feiertag, an dem die Arbeit ruht. Seine Geschichte reicht weit in die Vergangenheit zurück und hat im Verlauf der Zeiten manchen Wandel erfahren. Schon die ersten Christen in der Stadt Jerusalem versammelten sich zu Gebet und Andacht, um ihres Herrn und Meisters zu gedenken, der am dritten Tag nach seinem Tod am Kreuz auferstanden war. Deshalb nannten sie diesen Tag, der damit für sie besondere Bedeutung gewann, den „Tag des Herrn“. Der Glaube an den auferstandenen Christus bildete das Fundament der neuen Bewegung, die sich immer mehr ausbreitete. Der Sonntag war gleichsam der Urfeiertag der Gemeinde, aus dem sich allmählich Ostern entwickelte und zum wichtigsten Fest der Christenheit wurde.
 
Nach langen Zeiten der Verfolgung hatte Kaiser Konstantin d. Gr. im 4. Jahrhundert das Christentum zur anerkannten Religion gemacht. Er förderte sie auch nach Kräften, weil sie ihm wegen ihres universalen Anspruches geeignet erschien, eine staatstragende Macht des römischen Weltreiches zu bilden. Im Zusammenhang damit verfügte er, dass am Sonntag die Arbeit mit Ausnahme der unerlässlichen Tätigkeit auf dem Felde ruhen sollte. So durften an diesem Tag auch keine Gerichtsverhandlungen abgehalten werden und selbst das Militär wurde vom Dienst freigestellt, um am Gottesdienst teilnehmen zu können. Da Christus der Sonne glich, die bis dahin im Sol Invictus, dem unbesiegbaren Sonnengott, verehrt wurde, erhielt der „Tag des Herrn“ den Namen Sonntag.

Als unter Kaiser Theodosius I. das Christentum zur Staatsreligion erhoben wurde, durften an diesem Tag auch keine Spiele, Wagenrennen, Circusveranstaltungen und Theateraufführungen  stattfinden.  Der Sonntag wurde im ganzen römischen Reich zum allgemeinen Ruhetag erklärt. Das war für die antike Welt eine absolute Neuheit, denn bis dahin hatte es eine derartige Verfügung nicht gegeben. Der Sonntag als Ruhetag hat sich dann über die Zeiten hin bis zur Gegenwart behauptet. An ihm wurde selbst in einer säkularisierten Welt festgehalten. Das lag jedoch nicht an der Beharrlichkeit religiöser Traditionen oder einem Zugeständnis an die Christen, sondern es scheint, dass der Rhythmus der Siebentagewoche, der mit den Mondphasen zusammenhängt, auch in der Natur des Menschen angelegt ist. Bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. wurde in den frühen Kulturen der Menschheit dieser Zyklus wahrgenommen. Daher schlugen auch alle neuzeitlichen Versuche fehl, dieses Intervall willkürlich zu verändern. So erreichte es nicht einmal die französische Revolution, den Sonntag abzuschaffen und auch im kommunistischen Russland hatte man damit keinen Erfolg.

Die Einhaltung eines Ruhetages findet sich erstmals im Judentum unter der Bezeichnung Sabbat. Das Wort selbst hat seine Wurzel in dem Begriff „Aufhören“ oder „Innehalten“. Er bedeutete demnach eine Unterbrechung im Getriebe des Alltags. Die Ursprünge des Sabbats liegen im Dunkel. Die Annahme seiner Herkunft aus dem sumerischen oder babylonischen Umkreis konnte jedoch nicht stichhaltig nachgewiesen werden. Es scheint, dass der Sabbat tatsächlich eine Besonderheit des Judentums darstellte. Er war ein Ruhetag, der auch das Gesinde, Knechte und Mägde, Sklaven und selbst das Tier einschloss. Aus heutiger Sicht bedeutete dies eine soziale Leistung ersten Ranges. Das hohe Alter des Sabbats lässt sich daraus erkennen, dass er bereits im Dekalog verankert war und daher auf die Zeit Mose zurückging.

Mit der Einhaltung des Sabbats verband sich jedoch vorerst keine kultische Handlung. Er war eine Erinnerung an das Sechstagewerk der Schöpfung, nach deren Vollendung Gott ruhte. Da der Mensch als „Ebenbild und Gleichnis“ Gottes geschaffen war, sollte auch er am siebenten Tag ruhen. Zugleich verband sich damit auch das dankbare Gedenken an die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft. Mit dem Auftreten Jesu kam es jedoch zum Streit um den Sabbat. Die Einrichtung als solche wurde von ihm niemals angegriffen. Dennoch hatte er ohne Rücksicht auf diesen Ruhetag, an dem jede Tätigkeit untersagt war, einen Menschen geheilt. Das wurde ihm mit Empörung zum Vorwurf gemacht. Jesus sagte dazu: „Der Mensch ist nicht um des Sabbat willen gemacht, sondern der Sabbat um des Menschen willen“. Er wandte sich damit gegen eine falsch verstandene Frömmigkeit und bezeugte mit seinem Tun, dass nicht das Gesetz, sondern die Liebe das oberste Gebot für ein vor Gott wohlgefälliges Leben und Handeln sei.

Da die ersten Anhänger Jesu Juden waren, hielten sie sich an die Traditionen ihres Volkes. Sie besuchten den Tempel und beachteten auch sonstige Vorschriften. Dennoch war mit der Lehre Jesu, seinem Tod und seiner Auferstehung eine entscheidende Wende eingetreten. Etwas Neues war angebrochen. So hatten auch die Christen den Sabbat als Feiertag nicht von den Juden übernommen. Der Sonntag war vielmehr eine durchaus eigenständige Schöpfung des Christentums. Das wurde von besonderer Bedeutung bei der Mission der Heiden. Mit scharfem Blick hatte Paulus erkannt, dass die Heiden nicht dazu angehalten werden konnten, bei der Annahme des Christentums auch jüdische Gepflogenheiten, - wie die Einhaltung des Sabbat, die Beschneidung oder bestimmte Speisevorschriften -, zu übernehmen. Nach erbitterten Kämpfen setzte er sich schließlich durch und es gelang ihm, das Christentum aus diesen Bindungen an das Judentum zu lösen.

Im Verlauf der Geschichte der Kirche änderte sich jedoch der Begriff des Sonntags. War der Besuch des Gottesdienstes an diesem Tag ehemals ein persönliches Bekenntnis des Glaubens zu Christus, wurde er allmählich zu einer bloßen Formalität. Zudem nahm er immer mehr den Charakter eines frommen Werkes an, das der Mensch Gott darbrachte. Mit zunehmender Machtentfaltung machte die Kirche schließlich  den sonntäglichen Gottesdienstbesuch zu einer Pflicht, die nicht versäumt werden durfte. Wer sich ihr entzog, war ein Sünder und hatte mit harten Strafen zu rechnen.

Erst durch die Reformation wurde der Mensch aus diesen Zwängen befreit. Luther sah die Bedeutung und den Sinn des Sonntags darin, sich dem Wort Gottes hinzugeben und damit den „Feiertag zu heiligen“. Daher lag auch das Hauptgewicht des Gottesdienstes auf der Predigt. Der Sonntag war nicht ein Tag, der sich durch Kult und Zeremonien von den anderen Wochentagen abhob, sondern er sollte durch die Verkündigung des Wortes Gottes auf den Werktag ausstrahlen und in ihm wirksam werden.

Jede geistige Aufbruchsbewegung steht jedoch in der Gefahr, dass sich die neu gewonnene Freiheit mit dem Übergang zur organisierten Form abermals in ein Gesetz verwandelt. Diesem Zug geschichtlicher Entwicklung entging auch der Protestantismus nicht. So erhielt in der Gefolgschaft Calvins der Sonntag im anglo-amerikanischen Raum eine puritanische Prägung, die jegliche Betätigung nicht religiöser Art ausschloss. Damit verlor der Sonntag an freudiger Gestimmtheit und wurde zum einem Tag grauer Eintönigkeit. Die Gläubigen lebten in beständiger Furcht, sich an Gott zu vergehen.

Dann allerdings erfolgte ein Umschlag in das Gegenteil. An die Stelle von Einkehr und Besinnung trat das Streben nach Unterhaltung, Genuss und Vergnügen. Sport und Spiel, Massenveranstaltungen und Medienindustrie erlebten am Sonntag ihre Höhepunkte. Diese Betriebsamkeit, die sich jeder Muße entzog, brachte jedoch keine wirkliche Erfüllung und ließ den Menschen im Innersten leer. Jeder Bezug zum Transzendenten war abhanden gekommen. Die moderne Industriegesellschaft kannte nur zwei Abschnitte, in denen sich das Leben vollzog: die Arbeitszeit und die Freizeit. Die Wertvorstellungen einer rein diesseits orientierten Gesellschaft kommen auch in der Sprache zum Ausdruck. Die Bezeichnung Sonntag wird vermieden und man wünscht einander nur mehr ein schönes „Wochenende“.

Immer mehr zeigt sich im Zug der Ökonomisierung das Bestreben der Wirtschaft, den Sonntag überhaupt zu eliminieren. Dagegen setzten sich jedoch die Vertreter aller christlichen Konfessionen einmütig zur Wehr. Diese Bastion des kirchlichen Lebens konnte nicht aufgegeben werden. Dennoch genügt es nicht, nur die äußere Form zu retten und den Sonntag gleichsam als Kennzeichen des Christentums zu wahren. Es gilt vielmehr, die Flamme des Glaubens stets von neuem zu entfachen. „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden“, lautet ein verstreutes Wort Jesu, „und ich wollte, es brennte schon“. Es ist das Feuer des Heiligen Geistes, das nicht erlöschen darf. Von daher erhält auch der Sonntag seinen bleibenden Sinn.
 
Lieselotte von Eltz-Hoffmann

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

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