Die Glocke - ein Sinnbild von Zeit und Ewigkeit

Das Geläut der Glocken gehört zur Weihnacht wie der Lichterglanz der Kerzen. Beides weist in seinem Symbolgehalt über das Diesseitige hinaus auf ein Transzendentes, das diesem Fest die Weihe verleiht. Wenn nach dem vorangegangenen Getriebe und der Geschäftigkeit der Vorweihnachtszeit am Heiligen Abend Stille eintritt und über der nächtlichen Stadt der Klang der Glocken ertönt, dann überkommt auch den, der dem Christentum fern steht, eine Ahnung von einer anderen Welt. Das Läuten der Glocken rief seit jeher im Menschen eine Gestimmtheit hervor, die ihn über den Alltag erhebt und ihn zur Besinnung auf Zeit und Ewigkeit ruft. Es ist der unvergleichliche Tonklang dieses Gebildes aus Menschenhand, der gleichsam als ein Widerhall einer anderen  Dimension erscheint..

Die Entstehung der Glocke reicht weit in die Vergangenheit zurück und  hat ihren Ursprung im asiatischen Raum. Bereits im 9. Jahrhundert v. Chr. hatten die Völker des fernen Ostens die Kunst vollbracht, Metall zum Tönen zu bringen.  Die Klänge, die dabei hervorgebracht wurden, und ihr Zusammenspiel von dunklen und hellen Schwingungen erschienen ihnen als eine Vergegenwärtigung der kosmischen Harmonien. Daher war die Glocke von Anbeginn ein Gegenstand des Kultes und der Religion. Es dauerte jedoch noch mehr als ein Jahrtausend, bis die Glocke auch Eingang fand in die abendländische Welt. Vermutlich war sie auf  dem langen Weg über Ägypten und Armenien bis nach Europa gedrungen. Noch zur Zeit des Frühchristentums kannte man die Glocke als Hinweis auf den Gottesdienst nicht und auch in der Bibel fehlt jeder Hinweis auf sie. 

Zwar verwendete man im Kult und bei den Zeremonien der Völker des vorderasiatischen Raumes kleine Glöckchen, die dann auch am Gewand der israelitischen Priester angebracht waren und an die vorgeschriebenen Gebete erinnerten. Zwischen ihnen und der machtvollen Glocke, die vor allem seit dem Mittelalter im christlichen Raum eine so bedeutsame Rolle spielte, besteht jedoch nur eine geringe Verwandtschaft, denn diese Schellen hatten ursprünglich magische Bedeutung, die wie alle Laut gebenden Gegenstände der Abwehr von Dämonen und  bösen Geistern dienten.

Der frommen Überlieferung nach war es Paulinus, der Bischof von Nola, der  im 5. Jahrhundert die Glocke in den Gebieten von Italien einführte. Sie wurde zunächst an einem freistehenden Turm, dem Campanile, angebracht, wie er noch heute in den südlichen Gegenden vielfach zu finden ist. Doch erst durch die  Mönche der iroschottischen Mission wurde die Glocke auch im germanischen Raum bekannt. Ihr Sinn lag darin, die Menschen von ihrer Arbeit zu Gebet, Andacht und Gottesdienst zu rufen. Die Glocke wurde jedoch auch als Signalzeichen bei drohenden Gefahren, wie Unwetter, Feuersbrunst oder dem Herannahen feindlicher Scharen geläutet. In jedem Fall haftete der Glocke etwas Besonderes, Feierliches und Erhabenes an. Sie galt als etwas Heiliges und gewann gleichsam ein Eigenleben. Daher wurde sie auch vielfach besungen und zum Gegenstand einer großen Zahl von Dichtungen, Sagen und Legenden. Noch in der berühmten Ballade von Schiller erscheint sie als Sinnbild des menschlichen Lebens.

Seit dem Hochmittelalter begann man, immer mehr christliche Kirchen mit  Glocken von gewaltigem Ausmaß auszustatten. Ihre tiefen und hellen Töne, der Klangschönheit im 15.Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte, wurde zum Anruf, sich auf das Ewige zu besinnen. Die Glocke erschien gleichsam als ein tönender Mund, aus dem die „Stimme Gottes“ erklang. Es gehörte daher zu den empfindlichsten und wirksamsten Strafen, wenn über einer Stadt oder einem Kloster das Interdikt verhängt wurde, mit dem Verbot, die Glocken zu läuten. Damit wurde auf eindringliche Weise der Entzug der göttlichen Gnade und des Segens zum Ausdruck gebracht.

Der Guss einer Glocke war eine hohe Kunst und ihre Herstellung lag zumeist in den Händen der Mönche. Um die Wende zum 12. Jahrhundert erhielt erstmals auch der Dom von Salzburg ein Glockengeläut. Seine Einführung wird dem Erzbischof Thiemo zugeschrieben, der zugleich ein Künstler von hohen Gnaden war. Er hatte die Kunst des Glockengusses einst von fränkischen  Mönchen erlernt und setzte dann alles daran, auch für Salzburg ein solches Wunderwerk zu schaffen. Eigenhändig machte er sich mit einigen Gesellen daran, den Guss einer Glocke zustande zu bringen. Rötlich schimmernd erglänzte nach vollbrachter Tat das Erz der geschwungenen Form im Schein des Abendlichtes. Es muss ein überwältigendes Erlebnis für die Menschen jener Zeit gewesen sein, als sich erstmals zum Christfest des Jahres 1085 der  Klang der Glocke weithin über die Dächer schwang. Von da an war das Glockengeläut des Domes bis zur Gegenwart nicht mehr verstummt. Es begleitete durch die Zeiten hin das wechselvolle Schicksal der Stadt und ihrer Menschen. Machtvoll kündete sein Klang von Zeit und Ewigkeit und wies die Seele des Frommen über die Grenzen des Irdischen hinaus.

Als dann in Salzburg die erste evangelische Kirche erbaut wurde, erhielt auch sie einen weithin sichtbaren Turm. Er war der Stolz der neu erstandenen Gemeinde, die nun frei ihren Glauben bekennen konnte. Das Geläut seiner  Glocken „Glaube“, „Hoffnung“ und „Liebe“ verbindet sich an Sonntagen und zu den Festzeiten der Christenheit mit jenen des Domes zu friedlichem Zusammenklang.  

Lieselotte von Eltz

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

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