Die Geschichtsschreibung der Bibel

Lieselotte von Eltz über die Sonderstellung der Bibel als Geschichtsbuch in der Literatur der Antike


Die Bibel unterscheidet sich grundlegend von allen anderen Darstellungen historischer Ereignisse. Die ersten Ansätze, über etwas Vergangenes zu berichten, gehen auf das dritte Jahrtausend zurück. Es beginnt damit, dass die Herrscher auf Stelen oder Steintafeln aufzeichneten, welche Leistungen sie vollbrachten. Dazu gehörten die Siege, die sie auf ihren Feldzügen errangen, die Bauwerk und Paläste, die sie errichteten sowie ihre Unternehmungen zum Wohl des Volkes.

Diese Feststellungen dienten vor allem dazu, den Ruhm der Könige zu erhöhen und ihre Bedeutung hervorzuheben. Ein klassisches Beispiel für den Umgang mit der Geschichte ist die im Jahr 1274 v. Chr. stattgefundene Schlacht bei Kadesch am Orontes, bei der die Ägypter im Kampf mit den Hethitern eine restlose Niederlage erlitten. Kaum mit dem Leben davon gekommen und in sein Land zurückgekehrt, ließ der Pharao Darstellungen und Berichte anfertigen, aus denen hervorgeht, wie er von seinen Soldaten im Stich gelassen, nur von einem Löwen begleitet, Tausende in die Flucht schlug und einen glänzenden Sieg errang. Diese Darstellungen sind noch heute in Abu Simbel zu bewundern.
Die Geschichtsschreibung der Bibel hingegen, die allerdings erst mit dem 6. Jahrhundert v. Chr. einsetzt, verläuft unter völlig anderen Gesichtspunkten. Ihr Leitgedanke ist das Verhalten gegenüber Gott als höchster Instanz. Erstmals in der Antike wird Kritik an den eigenen Herrschern geübt. Dieses Verhalten ist etwas noch nie da gewesenes. Es mutet geradezu modern an. Das heißt jedoch nicht, dass die Schilderungen der Bibel immer den tatsächlichen Verlauf der Ereignisse wiedergeben, wie es die Geschichtsschreibung seit Leopold von Ranke fordert. Die Darstellung historischen Geschehens ist jedoch stets Deutung. Dennoch bildet sie vielfach die einzige und unentbehrliche Quelle für die Erforschung jener Zeit. Das verleiht ihr die überdauernde Anziehungskraft, unabhängig von ihren religiösen Aussagen. Ein Beispiel für die schonungslose Aufdeckung der historischen Vorgänge ist die Darstellung vom Untergang des Nordreiches Israel und der bald darauf erfolgten Zerstörung des Südreiches Judäa mit der Vernichtung Jerusalems und des Tempels als Heiligtum.
Dieser Grundzug der Berichterstattung setzt sich im Neuen Testament fort, obwohl es dabei nicht um ein Geschichtswerk geht, sondern um das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem erwarteten Messias und Erlöser der Welt. Man kann nur mit Staunen feststellen, dass die Bibel das Leiden und Sterben des Gottessohnes am Kreuz ohne jede Beschönigung vor Augen führt, obgleich diese Darstellung für die Ausbreitung des Christentums bei anderen Völkern keineswegs förderlich war. Ein Bespiel für die Darstellung der Passion und die Gleichgültigkeit der Umgebung ist etwa die Erwähnung, dass die Kriegsknechte um seinen Königsmantel würfelten.
Das Außergewöhnliche an der Geschichtsschreibung der Bibel besteht darin, dass sie sich nicht scheut, auch die dunklen Seiten des Geschehens zum Ausdruck zu bringen. Das verleiht ihr bis heute Weltgeltung.

Quelle: Gemeinde-Leben, Salzburg Christuskirche, 3/2013

 

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