Jenseitsvorstellungen

Wohin sind sie alle gegangen, die einst unser Leben begleiteten?
Gibt es ein Leben nach dem Tod?

 Bild: bbroianigo / pixelio.de
 
Diese Fragen stellten sich seit jeher dem Menschen. Der Mensch der Urzeit war jedenfalls davon überzeugt, dass es ein Fortleben nach dem Tode gibt. Das beweist allein die Form der Bestattung. So wurden die Toten mit ockerfarbener Erde bestreut, deren Farbe an das Blut als Lebenselement erinnerte. Auch bettete man ihr Haupt stets dem Aufgang der Sonne zu, die gleichsam ihre Wiedererweckung versinnbildlichte. Nicht zuletzt bezeugen die Grabbeigaben den Glauben an ein Weiterleben in einer jenseitigen Welt.
 
Die Vorstellungen, die man sich davon machte, waren jedoch unterschiedlicher Art und abhängig von dem jeweiligen Weltbild einer Epoche. Sie waren Projektionen des Diesseits auf ein anderes Sein. Erstmals fanden sie bildhaften Ausdruck in den Wandmalereien der ägyptischen Pyramiden, die als Grabstätten der Pharaonen erbaut wurden. Nach seinem Tod genoss der Pharao auch in einer anderen Welt die Freuden des irdischen Daseins. So findet man einen dieser Herrscher in einer Weinlaube ruhend. Darunter stehen die Worte: „Mögest du lustwandeln in deinem Garten und dich im Schatten der Bäume erquicken". Kein anderes Volk der Antike bot eine so reichhaltige Ausmalung der jenseitigen Welt.
 
Anders verhielt es sich bei den Griechen und Römern. Die Welt der Toten, aus der es keine Rückkehr mehr gibt, erscheint als ein düsteres Schattenreich. „Die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren", lautet gleichsam die Überschrift. Allerdings entstand in Delphi ein farbenprächtiger Wandzyklus, der von dem berühmten griechischen Maler Polygnotos stammte. Was er darin darstellte, ist jedoch unbekannt, denn es hat die Spätantike nicht überdauert.
 
Der Blick des mittelalterlichen Christentums war vor allem auf das Jenseits gerichtet. Doch die Erwartungen der Menschen bestanden nicht in einer beglückenden Seligkeit, sondern waren erfüllt von der Angst vor ewiger Verdammnis. Da das einfache Volk weder lesen noch schreiben konnte, wurden diese Qualen den Sündern zur Abschreckung drastisch vor Augen gestellt. Die Maler überboten sich in abgründigen Phantasien, sie zu vergegenwärtigen. Diese Vorstellungen lebten noch fort in Dantes „Göttlicher Komödie".
 
Die Reformatoren, die sich auf die Bibel beriefen, lehnten jedoch solche Ausmalungen ab. Zwar geht aus den Tischgesprächen Luthers hervor, dass auch er sich gelegentlich Gedanken machte über die Beschaffenheit einer jenseitigen Welt. In einem berühmten Brief an seinen vierjährigen Sohn schildert er das Paradies als einen wonnevollen Garten. Es war ein Bild, in dem sich seine Freude an der Schönheit der Natur verdichtete. Er war sich jedoch sehr wohl bewusst, dass die Herrlichkeit Gottes sich jeder menschlichen Vorstellung entzieht. Calvin wandte sich am deutlichsten gegen alle Spekulationen darüber und erklärte sie als „gefährliche Spielereien".
 
Das Aufkommen der Naturwissenschaften in der Neuzeit veränderte das Weltbild, das die Bibel vermittelte. Doch schon Johann Kepler wies darauf hin, dass die Heilige Schrift kein „Lehrbuch der Naturgeschichte" sei, sondern ihre Aussage auf einer anderen Ebene liege. Der Glaube an die Auferstehung der Toten wurde zum Fundament des Christentums, doch wie sich diese Verwandlung vollzieht, bleibt ein Geheimnis und wird in der Bibel nirgends geschildert.
 
Wenn auch in unserer Zeit das Fortleben nach dem Tode immer mehr in Frage gestellt wird, bleibt dennoch das im Menschen angelegte Bedürfnis nach ausgleichender Gerechtigkeit bestehen und wurde zu einer Antriebskraft für den Gedanken einer anderen Welt. Der Mensch unserer Zeit ist sich jedoch bewusst, dass die Ahnung davon nur in Symbolen ausgedrückt werden kann. Diesem Denken wurde auch die religiöse Kunst der modernen Zeit gerecht. Das Irrationale kann nur durch Andeutungen vermittelt werden. Schon der Apostel Paulus hat die Christen ermahnt und darin bestärkt: „Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen".
 
Lieselotte von Eltz

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

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