Die Bedeutung der Bibel für den reformatorischen Glauben

Ein Beitrag von Dr. Jutta Henner, Österreichische Bibelgesellschaft


Ohne Bibel keine Reformation – ohne Reformation keine Bibel. So könnte man in einem Satz die grundlegende Bedeutung der Bibel für den reformatorischen Glauben, vor fünfhundert Jahren ebenso wie heute, zusammenfassen.

Die intensive Beschäftigung mit der Bibel war es schließlich, die Martin Luther zu seiner „reformatorischen Entdeckung“, der Rechtfertigung allein aus Glauben, führte. Als Theologieprofessor in Wittenberg hatte er in den Jahren 1513-1518 Vorlesungen über die Psalmen, dann über den Römer- und Galaterbrief und schließlich über den Hebräerbrief zu halten. Diese intensive Auseinandersetzung mit dem biblischen Text hat Martin Luther ebenso wie seine Predigttätigkeit an der Wittenberger Stadtkirche ab 1514 darauf vorbereitet, ein Werk zu schaffen, das prägend werden sollte, nicht nur für die evangelische Frömmigkeit, sondern weit darüber hinaus für die deutsche Sprache, für Kunst und Literatur: Luthers Bibelübersetzung.

Dass der Wittenberger Theologieprofessor weder der erste noch der einzige war, der die Bibel ins Deutsche übersetzte, muss festgehalten werden. Bereits im 8./9. Jahrhundert gab es erste Übersetzungen der Evangelien und der Psalmen; im 14. und 15. Jahrhundert entstanden zahlreiche mittelhochdeutsche Bibelhandschriften. Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts – eine der Voraussetzungen übrigens für die rasche Verbreitung der Anliegen der Reformation! – ermöglichte es, dass zwischen 1466-1522 achtzehn verschiedene deutsche Bibeldrucke entstanden; alle vor Luther, der einige dieser frühen deutschen Bibelübersetzungen auch kannte und verwendete. Das Erscheinen der Studienausgabe des griechischen Neuen Testaments von Erasmus von Rotterdam im Jahr 1516 in Basel war eine weitere Voraussetzung für Luthers Bibelübersetzung.
 

Lutherstube auf der Wartburg
Quelle: Wikimedia Commons
 

Schließlich war es Luthers unfreiwilliges Exil auf der Wartburg bei Eisenach, wohin sein Kurfürst Friedrich der Weise 1521 den nach dem Reichstag zu Worms vogelfreien Martin Luther in Sicherheit gebracht hatte, das ihn dazu brachte, innerhalb von nur elf Wochen das ganze Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Allein sein Vorgehen unterscheidet Luthers Bibelübersetzung von denen seiner Vorgänger: der Rückgriff auf die Ursprachen, auf das Griechische fürs Neue Testament wie später dann aufs Hebräische fürs Alte Testament. Alle Bibelübersetzungen vor Luther waren aus dem Lateinischen angefertigt worden. Waren frühere Bibelübersetzung stark von regionalem Sprachklang geprägt, gelang es Luther mit dem Gebrauch der kursächsischen Kanzleisprache eine im gesamten deutschen Sprachraum verständliche Sprachform zu finden. Zu Recht formulierte Ignaz Döllinger im 19. Jahrhundert mit Blick auf vorlutherische Übersetzungen im Vergleich zu Luthers Werk: „Sie stammelten, er redete.“  Mag auch Martin Luther die treibende Kraft gewesen sein – ohne seine Mitarbeiter und theologischen Weggefährten in Wittenberg wie Philipp Melanchthon und andere wäre Luthers Bibelübersetzung nicht das geworden, was sie ist: Eine Teamübersetzung. Luther und seine Mitarbeiter haben sich auch dafür entschieden, nicht Wort für Wort, sondern sinngemäß zu übersetzen. Interessant ist aber auch, wie die reformatorische Theologie die Übersetzung bis ins Detail geprägt hat: Wo immer irgend möglich, werden die reformatorischen Schlüsselworte wie „Glaube“, „Gnade“, „Trost“ oder andere verwendet, selbst wenn es vom Urtext her nicht zwingend nötig gewesen wäre. Für 21 verschiedene hebräische und 12 verschiedene griechische Worte verwendet Luther das deutsche Wort „predigen“. Bei einem der wichtigsten Texte für die Rechtfertigungslehre, Römer 3,28, wo es heißt, dass der Mensch „ohne des Gesetzes Werke“ gerecht werde, sondern „durch den Glauben“, fügt Luther „allein“ hinzu. Typisch für Ausgaben der Lutherbibel bis heute sind die sogenannten „Kernstellen“, fett gedruckt, in denen besonders dicht das Evangelium aufscheint.

Ohne Angabe des Übersetzers erschien dann im September 1522 in Wittenberg „Das Neue Testament Deutsch“; es sollte ein Bestseller werden: Binnen weniger Jahre erschienen 66 Auflagen mit insgesamt mehr als 100.000 Exemplaren! Dabei kostete ein Exemplar einen halben Gulden, immerhin der Wochenlohn eines Handwerksgesellen.

Die Fertigstellung der Übersetzung des Alten Testaments sollte länger dauern – ab 1523 erschienen Teilbände, doch erst 1534 kam die „Biblia deutsch“ auf den Markt. Typisch auch für diese Bibelausgaben ist das Voranstellen von sogenannten „Vorreden“, Hinführungen zum jeweiligen biblischen Buch für seine Leser.
 

Lutherbibel, 1534
Quelle: Wikimedia Commons


Die Reformierten in der Schweiz haben die lutherische Reformation in Sachen Bibelübersetzung zwischenzeitlich überholt: Im Jahr 1531 erschien die „Zürcher Bibel“, die auf Zwingli zurückgeht und die ihre Wurzeln in der „Prophezey“, einer Art Predigtvorgespräch im Großmünster in Zürich hat.

Doch zurück zu Luther: Zeit seines Lebens hat er mit seinen Mitarbeitern an seiner Übersetzung weitergearbeitet. Ja, Luther hat in einer eigenen Schrift, dem „Sendbrief vom Dolmetschen“ aus dem Jahr 1530, Rechenschaft über die Prinzipien seiner Bibelübersetzung gegeben. Meisterhaft ist die poetische Sprache Luthers, dem es gelungen ist, mit einer zuweilen pointiert ungewöhnlichen Satzstellung oder der Häufung von hellen und dunklen Lauten je nach Kontext die Aufmerksamkeit der Bibelleser zu wecken und die Einprägsamkeit von Bibelworten zu gewährleisten. „Man muss nicht die Buchstaben der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden,... sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Bis heute ist die Lutherbibel nicht nur die im evangelischen Gottesdienst verwendete Bibel, sondern auch die in Frömmigkeit und Erwachsenenbildung meist verbreitete – und das, obwohl es zur Zeit 38 verschiedene deutsche Bibelübersetzungen auf dem Markt gibt. Noch ist die Lutherbibel in der Fassung der Revision von 1984 die gebräuchliche, doch rechtzeitig zum Reformationsjubiläum 2017 erscheint im Oktober 2016 die revidierte Lutherbibel 2017. Im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland haben 70 Theologinnen und Theologen seit 2009 den Text gründlich durchgesehen. Von den 36.000 Versen der Lutherbibel wurden ca. 12.000 überarbeitet – von Änderungen bei den Satzzeichen bis zu einer völligen Neuübersetzung. Zentrales Anliegen ist die Treue gegenüber dem (inzwischen ja auch dank Handschriftenfunden) besseren Urtext. Missverständliche oder unverständliche Begriffe wurden neu formuliert; so spricht die Lutherbibel 2017 nicht mehr von den „Heiden“, sondern von „Völkern“ oder „Nationen“. Bewahren, Korrigieren, Wiederherstellen – so könnte man das Ergebnis der Revisionsarbeit zusammenfassen. Die Lutherbibel 2017 ist auch wieder näher an Luthers ursprünglicher Übersetzung und für den liturgischen Gebrauch gedacht – sucht man dagegen eine leicht verständliche moderne Bibelübersetzung  gibt es schließlich etwa die Gute-Nachricht-Bibel oder die im Entstehen befindliche BasisBibel. Die Revisionsarbeit schloss auch eine Durchsicht der Kernstellen und deren Neuauswahl, wo nötig, ein, ebenso
wie die Neuformulierung von Überschriften. Die Frage nach der Geschlechtergerechtigkeit war bei der Revision kein Anliegen, allerdings wird zumindest die Anrede in den neutestamentlichen Briefen, wo angemessen, „Liebe Brüder und Schwestern“ lauten.

Was würde Luther dazu sagen, dass nach knapp 500 Jahren immer noch eine Bibel unter seinem Namen im Umlauf ist? Würde sein Herz eher für eine der modernen, leicht verständlichen Übersetzungen schlagen? Die nahezu zeitgleich mit der Lutherbibel 2017 erscheinende revidierte katholische Einheitsübersetzung wird, soviel sei vorweg verraten, übrigens auch eher traditioneller.

Luther wäre es wahrscheinlich das größte Anliegen, dass die Bibel gelesen wird, dass sie ausgelegt wird, dass sie im Zentrum ist und mit ihr der, der für Luther die Mitte der Schrift schlechthin ist, Jesus Christus. Dass Menschen beim Lesen der Bibel dem gnädigen und barmherzigen Gott begegnen und sich als von ihr und ihrer Botschaft angesprochene und befreite Menschen zu verantworteten Entscheidungen befähigt sehen, das wäre das Hauptanliegen. Sollte die neue Lutherbibel 2017 dazu beitragen, die Bibel 2017 und darüber hinaus wieder ins Gespräch, ins Zentrum zu bringen, hätte sich alle Übersetzungsarbeit gelohnt!

Dr. Jutta Henner


Aus: Die Brücke, Evangelisch in Innsbruck und Umgebung, September 2016

 

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