Philipp Melanchthon

Praeceptor Germaniae - Lehrer Deutschlands



Wenn Thomas Mann (1875-1955) in seinem Roman "Doktor Faustus" Jonathan Leverkühn – den Vater des Helden Adrian – beschreibt, so hat er das Bild von Melanchthon vor Augen, das im Jahre 1526 Albrecht Dürer (1471-1428) in Nürnberg angefertigt hat. Damals riefen die Stadtväter den schon weit über die Grenzen Kursachsens hinaus bekannten Lehrer in die berühmte Reichsstadt, damit er dort das neu errichtete Gymnasium eröffne. Dieses war nach den Bildungsidealen von Philipp Melanchthon eingerichtet worden. Dürer nutzte die günstige Gelegenheit, um ein Bildnis (Federzeichnung; später Kupferstich) des Wittenberger Magisters zu schaffen. Dürer verwendete die Vorlage auch noch für sein Vier-Apostel-Bild, als er den Jünger Johannes darstellte.

Philipp Schwartzerdt, genannt Melanchton, war ein begabter Knabe, der nach anfänglichem häuslichen Unterricht schon früh die Lateinschule besuchen konnte, weil er mit sieben Jahren Latein wie seine Muttersprache beherrschte. Mit 17 Jahren hielt er in Tübingen Vorlesungen über Livius, Cicero und andere lateinische Schriftsteller. Griechisch liebte er besonders, sodass er 1518 eine griechische Grammatik herausbrachte, die viele Auflagen erreichte.

Hebräisch lernte er bei seinem Großonkel Johannes Reuchlin (14551522), dem besten Hebraisten seiner Zeit, der dem Neffen auch die griechische Namensform nach Humanistenbrauch zueignete. Mit dieser Ausbildung waren sprachliche Grundlagen geschaffen, um später Martin Luther (1483-1546) bei seiner Bibelübersetzung zu helfen.

Ein Jahr nach Luthers Thesenanschlag 1517 kam Melanchthon über Reuchlins Vermittlung als Professor für Griechisch nach Wittenberg, um an der Artistenfakultät zu lehren und gleichzeitig als Student der Theologie bei Luther und anderen zu lernen. Das entsprach dem Grundsatz: Wer einen Grad erreicht hat, war verpflichtet selbst zu unterrichten und zugleich weiterzustudieren.

Sehr kühn wählte der 21-jährige Dozent das Thema seiner Antrittsvorlesung: "De corrigendis adolescentiae studiis", was meist mit "Über die Neugestaltung des Universitätsstudiums" übersetzt wird. Darin wirbt er für die gediegene Erlernung der Sprachen vor allem des Lateinischen und des Griechischen, denn damit werden Grundlagen sowohl für die Schulung des sprachlichen Ausdrucks gelegt, als auch die materiale Bildung geformt. Er meint, dass eine sprachliche Sensibilisierung auch die Wahrnehmungsfähigkeit für Sachprobleme schärft. Neben den herkömmlichen Disziplinen, die an der Artistenfakultät gelehrt werden (Trivium: Grammatik, Dialektik, Rhetorik; Quadrivium: Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik), sind unbedingt auch die Naturwissenschaften, die schönen Künste und die Geschichte zu studieren.
 


Von der Geschichte sagt er: "Ex historia omne artium genus manare" (Alle Künste und Wissenschaften wachsen aus der Geschichte heraus). Und er ruft seinen Hörern das HorazZitat (Oden 1,2,40) zu: "Frisch gewagt ist halb gewonnen! Wage zu wissen!" Äußerlich wird Melanchthon als "ein schüchternes, unscheinbares Männlein, klein, schmächtig, mit einem Sprachfehler behaftet" beschrieben. Aber welchen Eindruck hat diese Rede auf alle Zuhörer gemacht! Fortan war er geschätzt und auch geliebt als Freund und Lehrer, Mitarbeiter und unermüdlicher Briefeschreiber. Im Zuge der Universitätsreform richtet er als Rektor auch Tutorien ein und sorgt sich darum, dass neben der wissenschaftlichen Bildung auch die Formung der pietas, der Frömmigkeit, nicht zu kurz kommt. Denn beides braucht sowohl die Kirche in ihrer Pfarrer- und Lehrerschaft, als auch die Öffentlichkeit mit Juristen und Medizinern: leidenschaftlich wissenschaftlich gebildet und in biblischer Frömmigkeit tief gegründet. Allerdings kann er auch klagen: "Die Aufgabe, Schüler zu unterrichten, ist so undankbar, wie die, ein Kamel tanzen oder einen Esel Flöte spielen zu lehren. Der Lehrer arbeitet oft völlig vergeblich (frustra!). Es fehlt den Schülern ... den Eltern ... und der Obrigkeit an Interesse; und letzterer auch an Geld ... (In der Rede "de miseriis paedagogorum", 1533).

Die Bildung der Geistlichen lag ihm besonders am Herzen. Nach der kursächsischen Visitation 1527 durch Theologen, Juristen und Hofbeamte, die den niedrigen Bildungsstand der in Gemeinden und Schulen Verantwortlichen offenbarte, verfasste Melanchthon 1528 die Schrift: "Unterricht der Visitatorn an die Pfarhern ym Kurfurstenthum zu Sachsen, Wittenberg MDXXVIII". Darin fasste Melanchthon die evangelische Lehre zusammen und bot auch eine Musterschulordnung an. Luther fand diese Schrift hilfreich und schrieb eine Vorrede zu dieser landesherrlichen Dienstanweisung für Pfarrer und Lehrer. Im Ringen um das kirchliche Bekenntnis und die Einheit der Kirche kam Magister Philippus oft in Konflikte. Er fand sich bestimmt, zwischen den angreifenden "Papisten", den Oberdeutschen (in Zürich Ulrich Zwingli: 1484-1531, in Straßburg Martin Butzer: 1491-1551, und anderen) und den Genfern (Jean Calvin: 1509-1564) auszugleichen, das Augsburger Bekenntnis samt Apologie (1530) zu verteidigen und immer wieder neue Positionen zu würdigen oder zu widerlegen.

Schlimm wurde es, als sein Schüler Matthias Flacius IIlyricus (15201575) ihn des Verrates an den Ideen Luthers anprangerte. Nach seinem Tod fand man einen Zettel, auf dem stand: "Du entkommst den Sünden. Du wirst befreit von aller Mühsal und der Wut der Theologen. Du wirst ins Licht kommen, Gott schauen, Gottes Sohn betrachten. Du wirst jene wunderbaren Geheimnisse lernen, die du im Leben nicht verstehen konntest: warum wir so erschaffen sind, wie
wir sind, und worin die Vereinigung der beiden Naturen in Christus besteht." Deshalb soll man den Tod nicht fürchten.


Literatur:
Die Bilder sind dem von Heinz Scheible betreuten Band "PHILIPP MELANCHTHON. Eine Gestalt der Reformationszeit. Lichtbildreihe zur Landeskunde, Karlsruhe 1995" entnommen. Auf diese Diareihe und den Begleitband wird besonders hingewiesen. - Hans-Rüdiger Schwab, Philipp Melanchthon. Der Lehrer Deutschlands. Ein biographisches Lesebuch, dtv 2415, 1979. Melanchthon deutsch, 2 Bde, Leipzig 1997. - Günter R. Schmidt, hg., Ph. M., Glaube und Bildung. Texte zum christlichen Humanismus, Lat.-Dtsch, Reclam 6098, 1989.

 


Bild: Die Abbildung zeigt eine Gruppe von Reformatoren um Martin Luther; man sieht in der vorderen Reihe von links Johannes Forster, Georg Spalatin, Martin Luther, Johannes Bugenhagen, Erasmus von Rotterdam, Justus Jonas, Caspar Cruciger und Philipp Melanchthon. Es handelt sich um eine Kopie nach dem Meienburgischen Epitaph von Lucas Cranach.


Philipp Melanchthon

1497 geboren in Bretten; damals Kurpfalz; heute BadenWürttemberg
1508 Lateinschüler in Pforzheim 1509 Student in Heidelberg
1512 Student in Tübingen
1514 MAGISTER ARTIUM
1517 Thesenanschlag Luthers
1518 Professor für Griechisch in Wittenberg an der Artistenfakultät und Student der Theologie
1520 Heirat Loci communes [evangelische Dogmatik]
1530 CONFESSIO AUGUSTANA – Augsburger Bekenntnis
1541 Religionsgespräche in Worms und Regensburg
1546 Tod Luthers
1560 Tod in Wittenberg; in der Schlosskirche begraben
 

Text: Pfr. i. R. Univ.-Prof. D.theol. Ernst Hofhansl, Pressbaum

 

Aus: Die Brücke, Evangelisch in Innsbruck und Umgebung, Juni 2016

 

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