Persönlichkeit und Werk Martin Luthers


 

Freunde und Gegner Luthers haben bei ihrer Betonung seiner Bedeutung – positiv wie negativ – so getan, als ob er gegenüber den anderen Menschen so etwas wie eine absolute Ausnahmeerscheinung und anders als andere Menschen gewesen wäre, und zwar über die Zeiten hinweg. Da war die Rede von dem Ideal, von der reinen Verkörperung des Christlichen, und aber auch von der Verkörperung aller schlechten Eigenschaften. Derartigen Beurteilungen hat er selbst schon zu Lebzeiten mehrmals, zum Teil auch mit deutlicher Ironie widersprochen. Und man tut gut, sich an seine diesbezüglichen Aussagen zu halten.

Er war ein Mensch, der sich als Christ wusste, der aber selbst auch gegen die Anläufe des Bösen nicht gefeit war. Er brachte einen Charakter mit, ebenso aber auch eine Sozialisation und Erziehung, die von den Gegebenheiten der damaligen Zeit bestimmt wurden. Selbst hat er einmal gemeint, der Mensch werde stets von jemand „geritten“, das sei eben manchmal auch der Teufel. Dementsprechend gilt seine theologische Aussage, dass der Mensch, und zwar jeder, nicht nur gut, sondern auch  – in verschiedenem Sinne verstanden – nicht gut sei. Er wird zwar von Gott als gerecht angesehen, und ist doch zugleich auch Sünder. Das sollte man auch berücksichtigen, wenn man von der Persönlichkeit Luthers spricht.

Und noch etwas sollte man bedenken. Viele seiner Gedankengänge und Aussagen sind in der Folge in einer Weise verkürzt worden, dass sie ihren eigentlichen Sinn und ihre Absicht beinahe verloren haben. Die vielen durch solche Vergröberung gewonnenen Aussagen sollten also sorgsam anhand der Werke Luthers überprüft und dargelegt werden.

Dazu gibt es nicht wenige Ausgaben seiner Werke, die von einer rund hundertbändigen kritischen Ausgabe bis zu kleinen Taschenbuchausgaben reichen, in denen einerseits versucht wird, den wirklich genauen Wortlaut seiner Schriften und Reden festzustellen, in denen man aber andererseits  bemüht ist, die wirklichen Aussagen in einem gegenwärtig verwendeten Deutsch lesbar und verstehbar zu machen.

Dass das nicht immer leicht ist, ist einleuchtend. Einerseits sprach er ja ein Deutsch, aus dem sich dann erst das moderne Hochdeutsch entwikkelte, andererseits finden sich nicht wenige zeitgebundene Vorstellungen. Und schließlich sind nicht wenige seiner Schriften in lateinischer Sprache abgefasst. Dabei war es aber so, dass  er wie kaum jemand sonst in dieser Zeit die deutsche Sprache beherrschte. Da konnte er auch komplizierte Sachverhalte so ausdrücken, dass sie für jedermann verstehbar wurden. Das galt natürlich von der Übersetzung der Bibel. Sie war nicht die erste, die es seit der Erfindung der Buchdruckerkunst gab. Beinahe zwanzig solcher Versuche hat es da schon gegeben. Dass Luthers Übersetzung einen derartigen Erfolg hatte, dass sie wesentlich zur Ausbildung einer neuen Frömmigkeit beigetragen hat, das ist zwar nicht nur ihrer sprachlichen Form zuzuschreiben, diese hat aber sicherlich großen Anteil daran. Es war die Frömmigkeit, die aus ihren Büchern gewonnen werden konnte, die sie so bedeutsam machte. Dabei war das – vor allem im Blick auf das Alte Testament – nicht ein spontaner schneller Wurf, sondern das Ergebnis zahlreicher Überlegungen, Beratungen und oftmaligen Verbesserungen der Übersetzung. Luther übersetzte so, dass nicht die griechischen oder hebräischen Worte entscheidend waren, sondern der theologische (schriftgemäße) Sinn des Textes.

Ein Verzeichnis von „Luthers Schriften“, das 1928 zusammengestellt wurde, nennt mehr als 600 Titel, wobei dabei Predigten und Briefe meist nicht einzeln ausgewiesen, sondern gesammelt angegeben wurden; manches waren nur kurze Abhandlungen von wenigen Seiten, anderes war überaus umfangreich und umfasste mehrere hundert Seiten. Die Bibel legte der Reformator in vielen Predigten und Schriften aus.  Für die Hand jedes „gemeinen Mannes“ sollte nicht zuletzt eine Postille, also eine Sammlung von Predigten zu allen Sonn- und Feiertagen des Jahres eine handliche, dabei aber erbauliche Einführung in die Heilige Schrift bieten. Es war dann auch so, dass bis ins 19. Jahrhundert hinein diese Postille (neben den anderer Verfasser) öfter Verwendung fand als die Bibel selbst.

Bis an sein Lebensende beschäftigte Luther auch die theologische Auslegung der Hl. Schrift. Erst im Dezember 1545 beendete er eine mehrjährige Vorlesung, in der er das 1. Buch Mosis ausgelegt hat. Besondere Bedeutung haben aber auch seine Römerbriefauslegungen, die ganz zentrale reformatorische Aussagen anhand der entsprechenden Quellen erläutern.

Wichtig waren unter Luthers Schriften die beiden Katechismen. Da hat er durchaus in Weiterführung spätmittelalterlicher Vorbilder kleine Handbücher des Glaubens geschaffen, wobei die Texte des einen so gestaltet waren, dass man sie – damals – unschwer auswendig behalten konnte. Den Kleinen Katechismus lernte man schon in der Elementarschule.  Hingegen war der große Katechismus dazu gedacht, Pfarrern und Lehrern so etwas wie ein Gerüst für ihre Verkündigung zu bieten. Luther hat ihn aus Predigten zusammengestellt, die er zu den Themen des Kleinen Katechismus (Gebote, Vater Unser, Glaubensbekenntnis, Taufe, Hl. Abendmahl) gehalten hat. Dazu kamen dann so viele andere Schriften, dass nur wenige davon hier genannt werden können. Wichtig waren etwa drei Schriften aus dem Jahre 1520. In der kleinen Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ legte Luther eine kurze, aber eindrucksvolle Ethik für den Christen dar; in der Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ ging es ihm darum, die Obrigkeiten (also nicht nur die Fürsten und Herren) darauf aufmerksam zu machen, dass sie Verantwortung vor Gott für Glaube und Kirche trügen. Und in der lateinischen Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ legte er dar, wie sich die Kirche – und damit jeder Christ – damals in der Gefangenschaft der römischen Sakramentenlehre befänden.

Im Jahre 1523 erschien die kleine Schrift „Dass eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen“, die an sich ein neues, evangelisches Verständnis des kirchlichen Amtes und der Gemeinde begründen sollte, angesichts der politischen Verhältnisse aber nicht durchgesetzt werden konnte, zumal Luther selbst, der die äußerlichen Ordnungen nicht eben als besonders wichtig erachtete, nicht darauf bestand. Folgenreich waren die Schriften zum Gottesdienst, zur Taufe und zur Trauung, wobei im Gottesdienst zwar Latein nicht ganz verworfen wurde, war es doch Teil des allgemeinen Bildungsgutes, während die Verkündigung  jedenfalls in verständlichem Deutsch erfolgen sollte und der Gemeinde Gelegenheit eingeräumt werden müsse, sich aktiv an der Ordnung zu beteiligen. Fragen der Schule, ihrer Erhaltung, der Erziehung und des Verhältnisses zwischen Eltern und Kindern beschäftigten Luther – nicht zuletzt auch angesichts des 4. Gebotes – immer wieder. In mehreren Schriften, darunter der umfangreichen lateinischen Abhandlung „Vom geknechteten Willen“ untersuchte er die nach wie vor brennende Frage nach der Freiheit menschlicher Entscheidungen. Grundsätzlich suchte dann eine Thesenreihe zur Disputatio de homine die Stellung und das Wesen des Menschen in theologischer und in philosophischer Hinsicht zu bestimmen.

Neben den vielen Schriften sind auch die Lieder nicht zu vergessen, die Luther geschrieben hat. Es ist nicht notwendig, dass sie hier genannt werden – viele von ihnen finden sich noch heute in den kirchlichen Gesangbüchern und auch darüber hinaus.

Es ist also ein wahrhaft umfangreiches Werk, das Luther geschaffen hat. Und es lohnt sich immer noch, in einer Taschenausgabe, die in einem verständlichen Deutsch gehalten ist, das eine oder andere davon nachzulesen.

Dr. Gustav Reingrabner, evang. Theologe, Wien


Aus: Die Brücke, Evangelisch in Innsbruck und Umgebung, März 2016

 

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