Profil der römisch-katholischen Kirche

Wenn ich etwas über die römisch-katholische Kirche schreiben soll, dann geht es mir ein wenig so, wie ich vermute, dass es einem Fisch im Wasser geht. Geboren in einem römisch-katholischen Dorf in einem römisch-katholischen Land und wenn man „die Kirche" sagte, meinten alle die römisch-katholische. Bis zur Gymnasiumszeit, die mich in die nächste Stadt brachte, kannte ich keine "Andersgläubigen" (dort hatte ich dann vier evangelische Mitschülerinnen) und ich nahm mir fest vor, etwas zu tun, damit diese wieder in „die Kirche" zurückfinden.
Natürlich habe ich mich als Frau und Theologin inzwischen mit Konfessionen beschäftigt (und für mich die Faszination evangelischer Bibeltheologie entdeckt); trotzdem komme ich selten in die Lage etwas über die Vorzüge und Schwächen meiner Kirche zu erzählen, denn das: „kennen wir ja alle sowieso…".
Nun werde ich also schreiben, was für mich so selbstverständlich ist wie das Wasser für den Fisch.
Die Bezeichnung „römisch-katholisch"
Römisch bezeichnet einen geographischen Ort, der historisch gewachsen ist und die abendländische Form der katholischen Kirche mit dem Papst an ihrer Spitze kennzeichnet. Katholisch ist zunächst natürlich keine Konfessionsbezeichnung, weil es ja alle zu Christus Gehörenden bezeichnet (in Abgrenzung zu den Juden). Vom griechischen Namensursprung her besagt es: allumfassend. So lässt schon die Definition eine geographische und auch spirituelle Bandbreite zu.
Wie bei allem Menschlichen sind auch in der römisch-katholischen Kirche die Stärken in der Kehrseite die Schwächen.
Ununterbrochene Tradition
Seit Beginn des Christentums gibt es eine durchlaufende Existenz, eine ungebrochene Weitergabe des Amtes bis heute. Es ist für mich etwas Besonderes, in ein so altes Band mit eingewoben zu sein und zu wissen, wie viel vor, mit und nach mir sich „zum Herrn gehörig" (Kirche aus dem Griechischen wörtlich übersetzt) bezeichnen.
Es löst die Verkrampfung, dass alles jetzt, anders, besser geschehen muss. Ich darf darauf vertrauen, dass sich – trotz aller Missdeutungen und allem Machtmissbrauch – Menschen zu jeder Zeit von Christus, der ihnen durch schwache Menschen verkündet wird, anstecken lassen und sich als ZeugInnen für das Reich Gottes einsetzen. In immer auch alten, aber auch vielen neuen Formen.
Es ist kein Freibrief, alles so zu lassen, wie es ist, weil’s halt immer schon so war, aber es gibt auch Gelassenheit, dass neben, mit und nach mir wieder Heilvolles in meiner Kirche im Sinne des Evangeliums passiert.
Positiv sehe ich auch die Fähigkeit der römisch-katholischen Kirche zur Inkulturation: Das bedeutet zu sehen, was und wie Menschen leben, denen man das Evangelium nahe bringen möchte, ihre Traditionen aufzugreifen und mit dem Christlichen zu interpretieren. Ein gelungenes Beispiel für Inkulturation ist für mich das Weihnachtsfest.
Man traf auf die Heiden, die das Fest der unbesiegbaren Sonne feierten. Und dann interpretierten die Missionare: Christus ist diese unbesiegbare Sonne. Und so feiern wir bis heute am Höhepunkt der winterlichen Dunkelheit die Geburt des „Lichts der Welt". (So wie schon Paulus am Areopag den unbekannten Gott deutete und so die schon vorhandene gläubige Sehnsucht der Griechen würdigte. Apg 17).
Die Kehrseite ist wohl eines der dunkelsten Kapitel meiner Kirche: Aufzwingen des Glaubens mithilfe von Zerstörung der Kultur, Verfolgung, Vernichtung, Folter. Das Absolutsetzen der These „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil" hat so viel Unheil angerichtet, dass es schwierig ist, den positiven oben genannten Effekt überhaupt zu retten.
Zwiespältig ist auch das Petrusamt. Als Dienst an der Einheit und gewichtige Stimme im Konzert von Politik und Gesellschaft (stark erfahrbar unter Johannes Paul II.), als wirksame moralische Kraft gegen Vergötzung der Dinge und Missbrauch der Menschen in so vielen Formen der Wirtschaft und Ideologien wird der Papst als geistliche Größe oft begrüßt und viele Erwartungen werden an seine „Macht" geknüpft. Wie jede Macht kann sie zum Heil oder Unheil wirken oder sogar benutzt werden.
Demokratische und föderale Strukturen
sind in meiner Kirche mühsam und – in Anbetracht der uralten Tradition – noch immer neu und jung. Erst im II. Vatikanischen Konzil wurde das Zueinander von Hierarchie und Volk entscheidend neu festgelegt (gelebt wurde es an vielen Orten wohl immer schon auch). Das Konzil greift richtungsweisend den Volk-Gottes-Gedanken auf und erschließt damit eine völlig neue Position der Laien in meiner Kirche.
Dies kommt besonders im Herzstück meiner Kirche zum Tragen: der Eucharistie (laut Konzil „Quelle und Höhepunkt" christlichen Lebens). Liturgie wird auch als Werk des Volkes gesehen (das legt eine Deutung des griechischen Wortursprungs nahe) und Laien definieren sich als TrägerInnen und GestalterInnen der Liturgie. Die Gottgegenwart im eucharistischen Brot findet in der Form der Anbetung vor dem Allerheiligsten oder auch im Fronleichnamsfest einen wichtigen Platz im Leben meiner Kirche.
Ein weiteres Kennzeichen ist die Gottesliebe, die sich in Werken des Glaubens sichtbar zeigt (Jakobusbrief). Meine Kirche setzt mehr auf die Geschöpflichkeit (also auf das, dass Gott uns so, wie er uns gemacht hat, auch gut gemacht hat) als auf die Erlösungsbedürftigkeit. Da Gott uns alles zur Gestaltung der Welt in die Hand gegeben hat, muss sich unser Zeugnis in Werken an und für Menschen (vor allem bedürftige) zeigen. So ist es für den r. k. Gläubigen genauso substanziell sich in die Gesellschaft einzubringen, sie mitzugestalten wie zu beten (nicht umsonst ist die älteste Ordensregel des Abendlandes „ora et labora").
Was wir von den anderen Kirchen lernen können:
Zu sehen,
dass es mit weniger Zentralismus auch geht, dass vieles flexibler, mehr an den Menschen als an den Rechtsvorschriften gestaltet werden kann;
dass demokratische Strukturen (Bischofswahl) angewendet werden können ohne dass irgendwas Furchtbares ausbricht;
dass Frauen einer Gemeinde vorstehen können, ohne dass etwas Furchtbares ausbricht;
dass man mit viel weniger Geld Kirche bilden kann;
dass überall ganz viele Schätze liegen, die es wert sind mit-geteilt zu werden.
Mag. Gabi Treschnitzer, Seelsorgerin am TheologInnenzentrum Salzburg
 
Ein Beitrag aus "Ökumenische Informationen Salzburg", Jänner 2007, Nr.22

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

Rennweg 13
6020 Innsbruck
Tel: 0512-588824
salzburg-tirol@evang.at
www.sichtbar-evangelisch.at

Bürozeiten
Montag bis Freitag:
8.30 bis 12.30 Uhr