Ökumene der Profile

Ein Schlagwort macht die Runde: „Ökumene der Profile“. Was steckt dahinter? Zeigt sich darin eine neue Perspektive heraus aus der ökumenischen Krise oder ist es eine sprachliche Verkleidung dieser Krise?

1. „Ökumene der Profile“ – was ist das?
Die Herkunft des Schlagwortes lässt sich relativ klar bestimmen. Stichwortgeber war der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Dr. Wolfgang Huber, der in seiner Ansprache beim Treffen Papst Benedikts XVI mit Vertretern der Ökumene anlässlich des Weltjugendtages in Köln am 19.8.2005 sagte: „Vieles spricht ... dafür, die derzeitige ökumenische Situation als eine Phase der ‚Ökumene der Profile’ zu kennzeichnen. ... Nach der Entdeckung vieler theologischer Gemeinsamkeiten und der Überwindung früherer gegenseitiger Verurteilungen stellt sich heute die Frage, wie sich die je eigenen Überzeugungen und Grundsätze der Kirchen im Laufe des ökumenischen Prozesses geklärt und etabliert haben. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass es in manchen Themenfeldern deutliche Unterschiede und gegensätzliche Auffassungen gibt. Aber wie in jeder intensiven Begegnung gehört diese doppelte Wahrnehmung der erreichten Nähe und der bleibenden Unterschiedlichkeit zusammen; die Wahrhaftigkeit gebietet, beide Seiten in Blick zu nehmen.“
Bei einem Symposion im Mai 2006 erläuterte Huber sein Verständnis von einer „Ökumene der Profile“ in einigen Thesen:
• „Das eigene Profil zu leben und zu deuten, ist selbst eine ökumenische Aufgabe.“
• „Wir müssen lernen, mit bleibenden Differenzen ökumenisch zu leben.“
• „Eine ‚Ökumene der Profile’ entwickeln wir heute angesichts einer gemeinsamen missionarischen Aufgabe.“
Huber schloss mit der Feststellung: „Wir unterscheiden und in einigen grundlegenden Fragen, aber darüber verlieren wir nicht die viel größere Gemeinsamkeit aus dem Blick, die uns aufgegeben und im Glauben eröffnet ist. Deswegen gilt für eine Ökumene der Profile: Evangelisch aus gutem Grund und römisch-katholisch aus gutem Grund und eben deswegen gemeinsam christlich aus gutem Grund.“ (1)

2. Versöhnte Verschiedenheit mit Profil?
Das klingt gut. Es könnte als eine Beschreibung des Einheitsmodells Versöhnte Verschiedenheit verstanden werden, bei der aber nicht aller Nachdruck auf das Gemeinsame gelegt wird, sondern auch die (gegenseitige) Wertschätzung einer bleibenden Eigenprägung kirchlicher Traditionen wichtig ist. Darin scheinen sich ja auch alle einig zu sein. (Fast) niemand möchte so etwas wie eine Einheitskirche. Man möchte den Reichtum der Vielfalt bewahren. Darum erlauben im Grunde alle Varianten des Modells „versöhnte Verschiedenheit“ eine gewisse Profilierung des „Sondergutes“ der jeweiligen Tradition.
• Das gilt für das katholische Modell: versöhnt in der sichtbaren Einheit der Gemeinschaft der Bischöfe– (und zwar in der römisch-katholischen Variante unter der Leitung des Bischofs von Rom). Unter diesem Vorzeichen können z.B. der byzantinische Ritus oder eine Fülle von religiösen Gemeinschaften ihr Profil entfalten.
• Das gilt erst recht für das reformatorische Modell: versöhnt in der Übereinstimmung im Evangelium – ein Modell, das in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (Leuenberger Kirchengemeinschaft) verwirklicht ist. Es wird von Huber als Idealmodell für eine Ökumene der Profile angesehen, weil es viel Spielraum für die Entfaltung eigenständiger Identität bietet – so viel, dass katholische Kritiker darin nur vorgetäuschte Einheit sehen können.
Man meint also offensichtlich doch recht Verschiedenes mit versöhnter Verschiedenheit. In welche Richtung weist eine „Ökumene der Profile“?

3. Differenzierter Konsens oder Anerkennung der Differenz?
In seinem Korreferat auf dem erwähnten Symposion ging Kardinal Lehmann gar nicht auf dieses Stichwort ein. Er setzte sich kritisch mit dem Modell einer „Differenzökumene“ auseinander und plädierte nachdrücklich für den Weg des „differenzierten Konsens“. (2) Hier liegt offensichtlich ein entscheidender Unterschied.
Eine „Ökumene der Differenz“ ist von evangelischen Theologen ins Gespräch gebracht worden, weil man den Weg der Konsensökumene seit der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre und Dominus Iesus in der Sackgasse sieht. Da Einheit und Katholizität der Kirche nur im Glauben zu fassen sind, sollte nicht eine durch Konsensbildung herzustellende Einheit Ziel des theologischen Mühens sein, sondern die adäquate Erfassung der Differenz. Der Wiener Systematiker U.H.J. Körtner schreibt: „Theologische Erkenntnisfortschritte sind ... nur zu erwarten, wenn die in der bisherigen Konsensökumene praktizierte Hermeneutik des Entgegenkommens durch eine solche des Einspruchs ergänzt und relativiert wird, welche den ökumenischen Gesprächspartner zur Selbstprüfung und Profilierung zwingt – und zwar auf Grund der gemeinsamen Einsicht, einander wechselseitig als bleibend Anderer zu bedürfen ...“ (3). Der Konsens ist nicht ausgeschlossen; aber echter Konsens bleibt Geschenk.
 
4. Wie wird die Differenz ökumenisch fruchtbar?
Gegen Ende seines Vortrages zitierte Bischof Huber Fulbert Steffensky: „Die Kirchen brauchen die je anderen Kirchen, um ganz und vollständig werden zu können.“ Einen Monat später stellte Huber das Impulspapier des Rates der EKD Kirche der Freiheit der Öffentlichkeit vor. Es ist ausdrücklich der „Profilschärfung des Evangelischen“ gewidmet, betont aber, dass solche Profilschärfung keine „Abkehr von einer ökumenischen Grundhaltung“ bedeutet, sondern eine Kirche zeichnet, die „ihrer ökumenischen Grundorientierung verpflichtet“ bleibt (4). Nur: Bei der Darstellung der Perspektiven für die Zukunft kommt die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen an keiner Stelle vor. Das zeigt die Problemseite einer „Ökumene der Profile“. Denn das ist die Nagelprobe für ihre Ökumenizität: Dient die Profilierung wirklich dem gemeinsamen Dienst und einem konturierten Miteinander oder eher der Identitätssicherung im Konkurrenzkampf der Kirchen am religiösen Markt?
Bischof Huber hat zu dieser Frage ganz aktuell Stellung genommen. In seinem Vortrag: „Gemeinschaft gestalten – Evangelisches Profil in Europa“ am 13.9.2006 bei der 6. Vollversammlung der GEKE in Budapest hat er ausdrücklich betont, dass die Wahrnehmung von Differenzen nicht von der Absicht geleitet sein darf, „sich gegen den ökumenischen Partner und in Abgrenzung von ihm zu ‚profilieren’“. Aber das gemeinsame Zeugnis wird gerade dann glaubwürdig, wenn wir verbleibende Unterschiede nicht verschweigen, sondern als Differenzierung des gemeinsamen Glaubens verständlich machen. „Wenn die Kirchen in Europa auf je unterschiedliche Weise dazu beitragen, dass das eine Evangelium die Menschen erreicht, brauchen sie sich ihrer Unterschiede nicht zu schämen“.
So verstanden wäre eine Ökumene der Profile Ausdruck versöhnter Verschiedenheit.
Bischof i.R. Dr. Walter Klaiber, evang.-meth., Tübingen
 
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(1) In epd-Dokumentation 24,2006, S.4-10. Doch hat U.H.J. Körtner schon 1996 für „Profile des Protestantismus zwischen Vielfalt und Einheit der Ökumene" plädiert (in: Versöhnte Verschiedenheit. Ökumenische Theologie im Zeichen des Kreuzes, Bielefeld 1996, S.85).
(2) epd-Dokumentation 24,2006, S.11-16.
(3) Ulrich H.J. Körtner, Wohin steuert die Ökumene? Vom Konsens- zum Differenzmodell, Göttingen 2005, S.40. Schon früher hat Eilert Herms dafür plädiert, Zusammenarbeit der Kirchen nicht nur auf der Basis eines Grundkonsenses, wie ihn die Leuenberger Konkordie feststellt (die übrigens m.E. auch mit den differenzierten Konsens arbeitet!), sondern auch unter Anerkennung eines Grunddissenses zu ermöglichen (E. Herms, Von der Glaubensgemeinschaft zur Kirchengemeinschaft. Plädoyer für eine realistische Ökumene. MThS 27, Marburg 1989, S.72-86).
(4) Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD [2006], S.44.
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Ein Beitrag aus "Ökumenische Informationen Salzburg", Jänner 2007, Nr. 22
 

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