Die evangelische Trauung

Ein Beitrag von Pfarrerin Susanne Lechner-Masser

Hochzeit – im wunderschönen Brautkleid, mit perfekter Frisur, der schönste Tag des Lebens, in der allerschönsten Kirche, mit den ausgesuchtesten Blumen und der romantischsten Musik – der Tag, an dem alles stimmen muss! Im Wunsch, dies zu erleben, darin unterscheidet sich eine „evangelische Hochzeit“ nicht von irgendeiner anderen Hochzeit, ob sie nun in weißem, rotem oder trachtigem Kleid gefeiert wird. Zwei Menschen wollen heiraten– macht es einen Unterschied, wenn sie nach dem Standesamt in eine evangelische Kirche gehen?

Die evangelische Trauung ist ihrem Wesen nach eine „Segenshandlung“, so versteht sie die evangelisch-theologische Perspektive. Zwei Menschen haben sich entschieden, zusammen zu leben, oder tun es bereits, vielleicht sind sie auch schon Eltern. In ganz seltenen Fällen sind sogar schon Kinder erwachsen. Manche vereinen mit diesem Entschluss Teilfamilien zu einer so genannten „Patchwork family“, manche stehen wirklich ganz am Anfang. Wer und wie immer jemand in der Evangelischen Kirche getraut wird, ist schon verheiratet, und zwar vor dem Staat (Standesamt). In den Augen der Evangelischen Kirche steht vor dem Pfarrer/der Pfarrerin ein rechtlich und damit in jedem Fall auch kirchlich anerkannt verheiratetes Paar.

Wann ist eine Ehe kirchlich gültig?
 
Bei Ehe und Eheschließung stellt sich die Frage, wann eine Ehe gesellschaftlich und wann sie kirchlich Gültigkeit besitzt – dies hat im Laufe der Zeit, in der auch christliche Geschichte geschrieben wurde, immer wieder Veränderungen erfahren. Von der rechtlich gültigen Verlobung im Haus der Braut und der davon unterschiedenen „Übergabe“ der Braut in den Wohn- und damit Herrschaftsbereich ihres Mannes bis zum gegenseitigen Eheversprechen war ein weiter Weg. [1] Erst mit der zunehmenden Änderung der Motive zur Eheschließung von einer durch die Familie arrangierten Heirat zur Heirat im gegenseitigen Einverständnis bis zur heute üblichen und hoch mit Erwartungen gefüllten „Liebesheirat“ wurde das gegenseitige Eheversprechen zur anerkannten Form der rechtlich bindenden Gemeinschaft zweier Menschen.
 
Die Kirche hat in dieser Entwicklung verschiedene Positionen eingenommen. Gültig geschlossene Ehen waren zunächst immer auch in der Kirche gültig. Ihre Einflussnahme bezog sich nicht auf die Eheschließung, sondern auf ihre Inhalte, etwa ihre Unauflöslichkeit, Treue oder das Leben in einer monogamen Ehe. In der Zeit des Übergangs der Eheschließung zu einer Ehe im gegenseitigen Einverständnis und in Liebe übernahm die Kirche aufgrund noch fehlender gesellschaftlicher Struktur die „Funktion“ eines heutigen Standesbeamten ein, nahm also das Eheversprechen entgegen und schloss ihm einen kirchlichen Segen an. Diese Verbindung wurde dann auch auf die älteren Formen der Eheschließung angewandt und so entstand, vereinfacht gesagt, „kirchliche Trauung“. In Anlehnung an Luthers Rede von der „Ehe“ als ein „weltlich Ding“ [2] wird in reformatorischen Kirchen seit der Reformationszeit wieder Wert darauf gelegt, dass nicht die Kirche, sondern, modern ausgedrückt, der Staat, die Schutzmacht [3] über die rechte Form der Eheschließung inne hat.
 
Die Erhebung der christlichen Ehe zum Sakrament [4] wurde in der Reformationszeit mit der Einschränkung der Zahl der Sakramente [5] in der Evangelischen Kirche nicht mehr mitgetragen. Als dann im 19. Jahrhundert, um die große Zahl der heimlichen Ehen einzudämmen, die Zivilehe verpflichtend wurde, entsprach das evangelischer Theologie: „Wer wen wann und wie“ innerhalb einer Gesellschaft heiraten darf, ist allein Sache der Gesellschaft selbst. Die Entscheidung über rechtlich-eheliche Angelegenheiten unterliegt so nicht der Kontrolle der kirchlichen Gemeinschaft, die Evangelische Kirche akzeptiert die in einer Gesellschaft gültigen Formen der Eheschließung. Heute ist es staatliches Gesetz, vor dem Standesamt die rechtliche Ehe mit allen Folgen zu schließen, daher leben standesamtlich getraute Menschen innerhalb der Evangelischen Kirche eine gültige Ehe.
 
Wie wird evangelische Trauung erlebt?
 
Es hieße die „evangelische Trauung“ missverstehen, wenn man ihr deshalb, weil sie nicht als Sakrament gilt und die „zwei“ doch eigentlich schon verheiratet sind, weniger Bedeutung zumessen würde. Im tatsächlichen Erleben der Ehepartner ist sie die „eigentliche“ Hochzeit. Während die rechtliche Trauung auf dem Standesamt traditionell in kleinerem, familiären Rahmen gehalten wird, ist die Trauung in der Kirche das eigentliche Ereignis: Hier werden die Emotionen wach und auf diese kirchliche Feierstunde wird das ganze „Gewicht“ des Tages gelegt.
In gewisser Weise scheint eine Diskrepanz zu bestehen zwischen der theologischen „Richtigkeit“, die Trauung als Segenshandlung zu verstehen und dem Empfinden der Ehepartner, dass erst in der Kirche „richtig geheiratet“ wird. Diese Diskrepanz wird durch die Tatsache verstärkt, dass sich auch in der evangelischen Trauungsagende die berühmten Fragen finden, den jeweiligen Partner „vor Gott“ als Mann/als Frau anzunehmen, ihn zu achten, zu ehren und zu lieben „bis der Tod euch scheidet“ und dass sich diese, und die Tatsache, dass der Pfarrer/die Pfarrerin die beiden „vor Gott“ zu Mann und Frau „erklärt“, [6] über die Geschichte hinweg erhalten haben, was eigentlich eine in der Evangelischen Kirche unzulässige Doppelung von Eheschließung darstellt.
 
Korrekter Weise hätten die kirchlichen Traufragen mit der Einführung der verpflichtenden Zivilehe aus der Agende [7] gestrichen werden müssen, aber praktisch würde ein solcher Verzicht gerade heute, in einer individualisierten und pluralistischen Gesellschaft, wenig Sinn machen: Die Betonung im praktischen Vollzug der Trauung liegt auf diesem „vor Gott“. Jeder Mensch kann sich verheiraten. Aber unter welche Bedingungen er diesen Ehebund stellt, mit welchen Hoffnungen er ihn füllt oder nicht, mit welcher Ethik der Lebensbund eingegangen wird, ist eine Frage der Überzeugung und eine Frage des Glaubens. Darum ist es sinnvoll, die klassischen Traufragen zu belassen, das Paar als Pfarrer/als Pfarrerin „Kraft des Amtes, das die Kirche mir gibt“ vor Gott und der Gemeinschaft zu Frau und Mann zu erklären. Im heutigen Vollzug der Verheiratung zweier Menschen, in der es gesellschaftlich oft kaum von Bedeutung ist, ob jemand überhaupt verheiratet ist und in welcher Form, und wo dies noch bedeutungsvoll ist, ein unverheiratetes Zusammenleben dennoch keine Diskriminierung der Person zur Folge hat, wo also die gesellschaftlichen Normen auch innerhalb einer Familie sehr weit auseinander gehen können, gewinnt eine Trauung in der Kirche bekennenden Charakter.
 
Trauung in der Kirche ist freiwillig, die Kirche selbst erkennt ein verheiratetes Paar auch ohne kirchliche Trauung als gültig an. Aus der Sicht des Ehepartners gesehen ist die Beantwortung der Traufragen mit „Ja, mit Gottes Hilfe“ ein Bekenntnis zum persönlichen Glauben.
 
Zugleich ist es ein Eingeständnis einer Schwäche. In einer Welt, die alles machbar erscheinen lässt, in der alles in die Jugend und Kraft von Menschen gelegt wird, werden die Augen nicht vor der Brüchigkeit jeder dritten, ja fast jeder zweiten Ehe verschlossen. Man ist sich bewusst, dass etwas „Unmögliches möglich“ gemacht werden soll und dazu braucht man die Hilfe Gottes und die Hilfe der Gemeinschaft. Hierzu wird der Segen Gottes zugesprochen, und dies ist die Mitte der evangelischen Trauung. Namentlich und unter Handauflegung wird dem Brautpaar zugesagt, dass dieser gemeinsame Weg nicht alleine gegangen werden muss und auch nicht aus eigener Kraft gelingen muss. Der Vorstellung einer „gelungenen“ Ehe als „Erfolgstory“ wird das Bild eines gemeinsamen, vielleicht auch scheiternden oder zeitweilig scheiternden Weges entgegengestellt, auf dem man aber nie alleine gelassen ist. Die Ehe wird auf Lebenszeit nicht geschlossen, sondern erhofft. Gott, der menschliche Unfähigkeit und Versagen kennt, wird auch im Scheitern eines Weges seine Kinder nicht alleine lassen und würdige Wege der Trennung und dennoch Versöhnung finden lassen. Auch nach Scheitern einer Ehe und in einer eventuell zweiten Trauung im Leben hält man als evangelischer Christ an dem Satz fest: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ [8] Die Scheidung einer Ehe wird auch in der Evangelischen Kirche als Scheitern gesehen. Aber „sich unter den Segen Gottes stellen“ heißt, die Verheißung Gottes zu glauben und ihr zu vertrauen und ihre Bewahrheitung im Hoffen zu ermöglichen. Es heißt nicht, sich „absegnen“ zu lassen oder eine Garantie zu erhalten.
 
Gerade am Tag der Trauung sind Gefühle schwer zu bändigen. Viele Männer weinen in der Beantwortung der Traufrage. Dies zeigt, wie viel Sehnsucht in die Ehe zumindest an diesem Tag gelegt wird. Da ist die Segnung unter Handauflegung ein passives Empfangen der Zuwendung Gottes, die die Kraft geben kann, im Leben des Segens diesen auch für andere wirksam werden zu lassen – ein guter Grund, um zu heiraten.
 
Die Gestaltung der Trauung
 
Die äußere Gestaltung der Trauung und ihres Begleitgeschehens variiert je nach Herkunft des Paares. Hochzeiten auf dem Land folgen weitgehend vorgegebenen Traditionen, was den äußeren Ablauf betrifft. Das Paar trifft sich entweder, der eigentlichen Intention einer evangelischen Trauung entsprechender, gemeinsam vor der Kirche und wird dort von Pfarrer/Pfarrerin in die Kirche geleitet, oder aber es wird die alte, eigentlich einer Verheiratung zuzuordnende Form der rituellen Übergabe der Braut aus der Hand des Brautvaters in die Hand und Verantwortung des Bräutigams gewählt. Meist wird die Wahl dieses Rituals eher aus romantischen Gründen getroffen und zeigt nicht unbedingt eine wirkliche Einstellung die Rollenverteilung von Frau und Mann betreffend. Hochzeitlader, Kutsche, Hochzeitsmahl, gemeinsames Gebet, Überreichung der Geschenke, Brautstraußtraditionen etc. begleiten den Tag, unabhängig von der Frage, ob die Trauung katholisch, evangelisch oder ökumenisch gestaltet wurde.
 
In der Evangelischen Kirche wird ein Paar, das den kirchlichen Segen zur Trauung erbittet, in persönlichen Gesprächen mit dem Pfarrer/der Pfarrerin vorbereitet. Dies sind Gespräche zum inhaltlichen Verständnis und zur inneren Gestaltung der Feier. Daher wird die Feier in der Kirche selbst gemeinsam mit dem Pfarrer/der Pfarrerin erarbeitet. Das Paar ist in der Gestaltung ihres Gottesdienstes bis auf die agendarisch nicht verzichtbaren Teile des Gottesdienstes weitgehend frei. Es wählt einen biblischen Spruch, [9] der ihren gemeinsamen Weg begleiten soll und der Grundlage der Traupredigt ist, es wählt die Form des Trauversprechens als Antwort oder gegenseitigen Zuspruch, die biblischen Texte, die Gemeindelieder und eventuell die zusätzliche Musik durch Chor, Instrumente oder Orgel. Es ist das Paar, das sich unter den Segen Gottes stellen will und den dazugehörigen Gottesdienst für die Gemeinde gestaltet.
 
Ohne Gemeinde wäre eine evangelische Trauung nicht „am richtigen Ort“. Eine Trauung ist von ihrem Kern her eine Öffentlichmachung einer ursprünglich privaten Lebenssituation, sie zielt darauf hin, im Leben außerhalb der Zweisamkeit zueinander zu stehen, diesen Wunsch vor Gott und der Gemeinde zu bekräftigen und unter Seine Hilfe und in ihre Unterstützung zu stellen. Da sie „geistlich“ nicht zwingend ist, ist eine private heimliche Trauungin der Evangelischen Kirche sinnverfehlt und nicht möglich. „Gemeinde“ ist hier „Familien- und Festgemeinde“. Eine Hochzeit ist ein Familienfest, in der nicht nur zwei Menschen, sondern auch zwei Familien miteinander verbunden werden. Trauungen im Rahmen eines allgemeinen Gemeindegottesdienstes sind in Salzburg jedoch unüblich. Trotzdem sind die Gäste in der Kirche „Gemeinde“. Auf gottesdienstliche Elemente, wie gemeinsamer Gemeindegesang oder dem gemeinsamen Beten eines Psalms wird auch in einer Trauung kaum verzichtet. Gemeinsame Fürbitten und Vaterunser erhalten die aktive Teilnahme dieser Gemeinde, die das Paar in ihrem Schritt zu oder in ihrer Bekräftigung in einem gemeinsamen Leben begleitet. Auch wenn manchmal der Großteil der geladenen Hochzeitsgäste nicht Mitglieder der Evangelischen Kirche oder jeder Kirche Fernstehende sind, wird Wert darauf gelegt, sie in diesem Gottesdienst anlässlich der Verheiratung ihrer Freunde als Gemeinde ernst zu nehmen.
 
Für viele Teilnehmende an einer Trauung ist ihr Erleben Anlass, ihre eigene Lebenssituation zu überdenken. Oft ist die Trauung anderer eine Ermutigung, selbst wieder ein Stück weiterzugehen. Für die unmittelbaren Verwandten des Paares, seine Eltern, manchmal auch seine Kinder, kann die Öffentlichkeit der Trauung und die Behutsamkeit, mit der hier den Gefühlen und der Zerbrechlichkeit einer menschlichen Liebesbeziehung begegnet wird, eine Hilfe sein, diese beiden vertrauensvoll in einen neuen Lebensabschnitt hinein zu entlassen und sie als Paar zu akzeptieren und zu unterstützen.
 


[1] Hierzu und im Folgenden findet man einen verständlichen Überblick im ökumenischen Erwachsenenkatechismus: Feiner, Johannes; Vischer, Lukas (Hg.): „Neues Glaubensbuch. Der gemeinsame christliche Glaube“ Herderverlag 1973, Neuausgabe 1993.
[2] Martin Luther, Traubüchlein 1529.
[3] Nach der traditionellen, auf die Reformationszeit zurückgreifenden lutherischen Theologie, die freilich eine „christliche Gesellschaft“ voraussetzt, steht in der so genannten „Lehre von den zwei Regimenten Gottes“„weltliche Gewalt“ der „geistlichen Gewalt“ gegenüber. Während es Aufgabe der geistlichen Gewalt ist, „Gesetz“ im religiösen Sinn und „Evangelium“ zu predigen, ist es Aufgabe der weltlichen Gewalt, die „iustitia civilis“ aufrechtzuerhalten auch gegenüber denen, die durch die Predigt nicht erreicht werden können oder wollen. Sie stellt eine Art Schutzmacht zur Aufrechterhaltung der menschennotwendigen öffentlichen Ordnung dar. Christen sind dazu angehalten, Ämter der „weltlichen Macht“ zu übernehmen. Gleichwohl darf das Innehaben eines solchen Amtes nicht zur Predigt missbraucht werden. Geistliche Macht darf sich nicht in weltliche Macht mischen und umgekehrt. Der einzelne Christ ist beiden Mächten Gehorsam schuldig. Sollte die weltliche Gewalt im Sinne des Glaubens im Unrecht sein, kann der Einzelne dieses Unrecht anklagen, so er dazu Macht und Möglichkeit hat, oder leidend ertragen, was er nicht ändern kann.
[4] im Konzil zu Trient 1545–1563.
[5] siehe oben Anm. 4.
[6] Als Frage formuliert oder als Versprechen gegenseitig zugesagt: „N., ich will dich als meine Ehefrau/als meinen Ehemann, die/den Gott mir anvertraut (oder: aus Gottes Hand annehmen), lieben und ehren und die Ehe mit dir nach Gottes Gebot und Verheißung führen – in guten und in bösen Tagen –, bis der Tod uns scheidet. Dazu helfe mir Gott.“ Agende der Evangelischen Kirche AB in Österreich, Evangelischer Presseverband 1984. siehe dort Anm. 27.
[7] Agende = liturgische Ordnung.
[8] Mt.4,4-5.
[9] Etwa: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“ Offb. 2,10 oder „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ 1. Kor. 13/13 oder „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Joh. 15,5.
 
Quelle: Bräuche im Salzburger Land, CD-ROM Folge 3, Luidold, Lucia & Kammerhofer-Aggermann, Ulrike (Hrsg.), 2005. www.salzburgervolkskultur.at

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