Brot und Wein als Zeichen des Heils



In  keiner anderen Religion gewannen Brot und Wein eine so tief greifende Wirkkraft wie im Christentum. Als Symbole des Lebens und Zeichen des Heils erhielten sie in der Feier des heiligen Mahles sakramentale Bedeutung und wurden zum sichtbaren Ausdruck des Glaubens. In ihrer dargebotenen Gestalt vergegenwärtigten sie Sinnliches und Übersinnliches, Diesseitiges und wurden zur Lebensspeise für Zeit und Ewigkeit. Damit erhielten sie ihre höchste Deutung und Sinngebung.

Die Heiligung von Brot und Wein und in ihrer religiösen Symbolik hat jedoch eine lange Vorgeschichte und reicht weit in die Vergangenheit zurück. Als der Mensch vor Jahrtausenden nach einem unsteten Wanderleben dazu überging, das Erdreich zu bepflanzen und sesshaft wurde, wandelte sich damit auch sein Denken und fand ihren Niederschlag in der Religion. In den  Früchten des Feldes, die unter den Strahlen der Sonne reiften und ihm Nahrung boten, sah er ein Geschenk jenseitiger Mächte. Daher wurde auch den Göttern der Fruchtbarkeit höchste Verehrung zuteil. Brot und Wein förderten sein Gedeihen, sein Wachstum, seine Entfaltung und wurden zur Grundlage der menschlichen Kultur. Noch zur Zeit der Spätantike feierte man in den mit Ähren geschmückten und mit Weinlaub bekränzten Gestalten von Demeter und  Dionysos die stets sich erneuernde Kraft der Natur und das Hervorbringen ihrer Früchte auf Feld und Flur. Die Feste, die zu Ehren dieser Götter begangen wurden, bildeten Höhepunkte im Kreislauf des Jahres. Aus der Hochschätzung von Korn und Rebe ergab sich die Heiligung von Brot und Wein.

Auch in der Bibel spielen Brot und Wein als Leben spendende Gaben Gottes eine wichtige Rolle.  Ihre Bedeutung spiegelt sich in vielfältiger Weise in einer Reihe von Erzählungen und Begebenheiten aus der Geschichte des Volkes Israel. Als das wandernde Gottesvolk auf dem langen steinigen Weg durch die Wüste keine Nahrung mehr fand und der Ruf nach den Fleischtöpfen Ägyptens aufkam, speiste sie Gott auf wunderbare Weise und ließ Manna vom Himmel fallen. Nach der Einwanderung  in Palästina, wo die Israeliten zu einem Volk von  Hirten und Bauern wurden, bereicherten die Bilder von Saat und Ernte die Schilderungen vom Leben des Volkes in diesem Land. Da ist vom Dreschen des Getreides auf der Tenne und vom Sammeln des Kornes in den Scheunen die Rede. In der reizvollen Erzählung von der Moabiterin Ruth, die zur Stammmutter des Könige von Israel wurde, rauschen die Ährenfelder und  werden zu Zeichen des Segens, der auf ihr ruht. Aus der Zeit der Erzväter wird von Josef, dem Sohn Jakobs, der es in Ägypten zu hohem Ansehen gebracht hatte, berichtet, dass er beim Ausbruch einer Hungersnot  zum Retter seines Volkes wurde und die Seinen mit Getreide versorgte. Als der Prophet Elias in die Einsamkeit der Wälder flüchtete und sich am Bach Kidron niederließ, nährten ihn Raben mit Brot. Nichts bezeugt jedoch deutlicher die Heiligkeit des Brotes und seine Bedeutung, die ihm  Israel zumaß, als die zwölf Schaubrote auf dem Altar des Allerheiligsten im Tempel von Jerusalem, die an die Gegenwart Gottes erinnerten, der über Israel wacht, es erhält und mit Lebensspeise versorgt..

Brot wurde zum Inbegriff von Heil und Segen. Umso sehnsüchtiger richtete sich die Hoffnung Israels auf die Errichtung einer Herrschaft im Zeichen des Friedens und der Gerechtigkeit. Daher weissagten auch die Propheten, dass der erwartete Messias in Bethlehem geboren werde, dessen Name „Haus des Brotes“ heißt. Brot im profanen wie im übertragenen Sinne aber war ein Geschenk Gottes. Als Jesus seine Jünger beten lehrte, lautete eine der Bitten des Vaterunsers: „Gib uns unser tägliches Brot“. Der Hunger war seit jeher eine Geißel der Menschheit und ist es bis heute geblieben. Der Mangel an Brot bestimmte nicht selten den Gang der Weltgeschichte und damit das Schicksal des Menschen. Wer den Menschen Brot versprach, dem fielen sie zu und er gewann Macht über sie. Das wusste man schon im  alten Rom, wo sich die Cäsaren  die Gunst und Gefolgschaft des Volkes sicherten, indem sie seine Forderung erfüllten: „Panem et Circenses – Brot und Spiele!“

Nicht von ungefähr trat daher am Anfang der Wirkens Jesu an einer entscheidenden Wende seines Lebens der Satan als Versucher an ihn mit den Worten  heran: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann sprich, dass diese Steine Brot werden“. Das war eine Herausforderung, sich weltlicher Herrschaft zu bedienen, um Macht über die Menschen zu gewinnen. Jesus aber widerstand  dieser Versuchung und antwortete: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, dass aus dem Munde Gottes kommt“.  Das Reich Gottes, das er verkündigte, war von einer anderen Dimension.

Dennoch  bediente sich Jesus bei seiner Botschaft an die Menschen immer wieder der Bilder, die mit dem Wachsen und Reifen des Getreides zusammenhingen. Saat und Ernte, das Weizenkorn, das in der Erde sterben muss, um Frucht zu bringen, der Sämann und das Ackerfeld  wurden ihm zu Gleichnissen für das Reich Gottes. Von den Taten, die er vollbrachte, beeindruckte die Menschen vor allem das Wunder der Brotvermehrung, das ihm auf dem Höhepunkt seines Wirkens den Zustrom der Menge eintrug. An jener Stelle am See Genezareth nahe von Kapernaum, wo man später das Geschehen lokalisierte, entstand im 4. Jahrhundert eine der ältesten christlichen Gotteshäuser: die Kirche der Brotvermehrung. Ihr Mosaikboden zeigte Brot und Fisch als die Symbole des Christentums.


Mosaik in der Kirche der Brotvermehrung in Tabgha/Israel

Die wunderbare Brotvermehrung wurde auch eine der häufigsten Darstellungen der frühchristlichen Kunst. Oft ist sie auch an Sarkophagen zu finden. Das Brot wurde zum Symbol und zur Speise ewigen Heils. Selbst der auferstandene Christus wurde von den Emmausjüngern am Brechen des Brotes erkannt.

Neben der Ähre und dem Brot wurden jedoch auch der Weinstock und die Rebe für das Volk Israel zum Ausdruck des göttlichen Segens. Mehr als zweihundert Mal ist in der Bibel vom Wein, vom Weinstock und vom Weingarten die Rede. Als die Israeliten  nach langer Wanderschaft  im Begriffe standen, nach Kanaan als dem gelobten Land, in dem „Milch und Honig fließt“, einzuziehen, sandten ihre Anführer Kundschafter aus, um die dortigen Gegebenheiten zu erforschen. Das Ergebnis ihrer Erkundungen versetzte sie in höchstes Erstaunen und Entzücken. Das wurde später in einem eindrucksvollen Bild festgehalten. Darauf sind die zwei Männer zu sehen, die auf einer Stange eine Riesenweintraube tragen. Der Weinbau bezeugte die hoch entwickelte Kultur der einheimischen Bevölkerung.

Das Ursprungsland des Weinbaues  ist unbekannt, doch in Ägypten ist er mit Sicherheit bereits um 3000 v. Chr. nachweisbar. Eine Reihe ägyptischer Wandmalereien zeigen in anschaulicher Darstellung die Tätigkeiten, die mit dem Weinbau verbunden waren.  Ihren Höhepunkt bildete die Weinlese, die festlich begangen wurde. Besonders hochgeschätzt waren die dunkelblauen Trauben, die als „Augen des Gottes Horus“ bezeichnet wurden. Ihr roter Saft  erinnerte an die Farbe des Blutes. Deshalb wurde den Toten auch Weinopfer gebracht. Bereits damals erhielt der Wein im Zusammenhang  mit dem Blut jene religiöse Bedeutung, die dann im Christentum ihre Vollendung fand. Wein aber war auch sonst ein Getränk besonderer Art, weil ihm ein  Feuer innewohnte, das den Geist beflügelte. Sein Genuss war vor allem im Kult  gebräuchlich, denn er eignete sich dazu, eine ekstatische Vereinigung mit der Gottheit herbeizuführen. Daher waren die Dionysosfeste, mit denen man Erneuerung der Natur feierte, bald  in der ganzen antiken Welt verbreitet.

Der Weinbau  wurde  auch für das Volk Israel von großer Bedeutung. Die Weingärten, die sich  auf den Terrassen hinzogen und mit Sorgfalt gepflegt wurden, waren Zeichen des Wohlstandes  und des Segens. Der Weinberg war der Stolz jedes Israeliten. Das bezeugt auch die berühmte Geschichte von Naboths Weinberg, der es ablehnte, seinen Besitz, den er von seinen Väter ererbt hatte, an den König abzutreten, und der diese Weigerung  mit dem Tod bezahlte.

Die Propheten sahen im Weinberg ein Sinnbild  für das Volk Israel. In bewegenden  Worten von dichterischer Schönheit sang Jesaja das „Lied vom Weinberg“. Darin schildert er ihn in seiner ganzen Pracht  mit Turm und Kelter und der Fülle seiner Früchte.  Das Gericht Gottes über das abtrünnige Volk aber wurde  zum Abbild des verwüsteten Weinberges, auf dem Disteln und Dornen wachsen. Es verwandelte sich in Realität, als Assur und Babylon in Israel einfielen, das Land verheerten und es als eine Stätte der Verwüstung zurückließen.

Auch Jesus griff  wiederholt in seinen Gleichnissen das Bild vom Weinberg auf, doch erfüllte er es  in seiner Deutung mit einem neuen Geist. In der Erzählung von  den Arbeiterin im Weinberg  veranschaulichte er Gottes Vatergüte, die den Menschen beschenkt „ohn“ sein Verdienst  und Würdigkeit“, wie es Luther später ausdrückte. In der Geschichte von den bösen Verwaltern des Weinberges, die Gottes Eigentum veruntreuten, hält er den Machthabern des jüdischen Volkes ihre Verstocktheit gegenüber der Heilsbotschaft vor Augen, die soweit ging, dass sie nicht nur die Propheten, sondern sogar den Sohn Gottes ergreifen und töten.

Brot und Wein erhielten so in der Verkündigung Jesu zentrale Bedeutung. An ihren Bildern veranschaulichte er das Wesen des Reiches Gottes und seine eigene Sendung. Dieser Bogen spannt sich von seinem ersten Auftreten bei der Hochzeit von Kana,  wo er Wasser in Wein verwandelte, bis zum letzten Mahl im Kreis seiner Jünger, wo er das Brot mit den Worten austeilte: „Nehmt hin und esset -  das ist mein Leib“  und ihnen den Kelch reichte mit dem Spruch: „Trinket alle daraus  -  das ist mein Blut“.  Im Angesicht seines Todes bildeten sie das bleibende Vermächtnis an seine Gemeinde. Den Schlüssel zu diesem Geheimnis, um das immer wieder gerätselt wurde, bot der Evangelist  Johannes mit dem Selbstzeugnis, das er Jesus in den Mund  legte: „Ich bin das Brot des Lebens“ und „Ich bin der rechte Weinstock, ihr die Reben“. Brot und Wein wurden damit durch Christus zum Abbild und Symbol erfüllten  Lebens.

 

Lieselotte v. Eltz-Hoffmann 

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

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